gartenbücher (#avantgardening)

weite, flache kulturlandschaft, kopfweiden & pappelalleen, deiche & windräder. der niederrhein. linke rheinseite, fast niederländisch. die „landlust“ von daniela pawert und torsten matschiess hatte akustische gründe. endlich musik hören, ohne den nervigen kleinkrieg mit hellhörigen nachbarn in der stadt. 2004 beginnt alles mit einen garten am haus incl. altem baumbestand. 2011 vergrössert ein ehemaliges maisfeld, 5.300 m², den garten auf 8.200 m². ein junger garten. kein rückzug in die private ländliche idylle. der garten ist offen zur ihm umgebenden kulturlandschaft inkl. strommasten & windrädern, neben geräuschen und gerüchen der landwirtschaft, häufige gründe der schnell abflauenden „landlust“. einer der digitalsten gärten im deutschsprachigen raum: ein privatgarten mit öffentlichkeit durch website & facebook account. digitale offene gartenpforte. jetzt ist ein buch über den garten alst bzw. „ein plädoyer für gegenwärtiges gärtnern“ in der neuen edition gartenpraxis des ulmer verlages erschienen. keine garten-monografie und ebenso wenig ein diy-ratgeber mit den bekannten, aus dem kontext gerissenen, gestalterischen versatzstücken. wer ein buch aus der beliebten reihe alle-mal-hersehen-MEIN-garten oder einen der unzähligen ratgeber erwartet, liegt falsch. das buch ist eine hybride. es geht ums prinzip.

avant

avantgardening? avant-garde? herrscht krieg im garten? eine militärische vorhut im ruhigen, beschaulich vor sich hin blühenden blümchenreich? eine neue künstlerische bewegung, wie die avantgardistischen des 20 jh. konstruktivismus, dadaismus oder expressionismus in gärten bzw auf grundstücken? wobei jeder neue -ismus schon immer nur der kampf um die anerkennung der institution war … ein neuer ismus in der grenzregion von new german style und dutch wave?

gardening

stauden, gräser, rosen und einige gehölze. keine lauschige sitzecke. vereinzelt ein alter stuhl oder ein korbsessel. gemulchte wege führen durch die „beete“, sind aber in der üppigen bepflanzung häufig nicht sofort zu erkennen. struktur, und damit an einigen stellen sichtschutz, bietet die bepflanzung. keine aufgeräumte „die kleinen vorne, die grossen hinten“ blühaufstellung. keine klassischen sichtachsen. jedoch der „fotografische“ blick versucht hier, sowohl beim autor selbst als auch bei jürgen becker, immer wieder ordnung zu schaffen: windräder und strommasten ausserhalb des gartens sind als endpunkt einer sichtachse einfach zu verlockend. leider wird der himmel bei diesen aufnahmen häufig auf dramatisch gefiltert, less is more . symbolik, traditionell z.b. durch skulpturen oder deko erzeugt, fehlt. bis auf die benennung eines weges: ed snowden boulevard. der garten ist, jedenfalls wenn man mit den antrainierten scheuklappen an ihn heran geht, sperrig. die bepflanzung endet an der grenze des grundstücks & manchmal schaut etwas schwarzbuntes herüber.

vom „beobachten der ruderalflora und lokaler gegebenheiten“ über testpflanzungen und einem blick auf „trends, intuition, lehrbuchwissen“ nimmt der autor den leser mit auf den weg von der entstehung eines gartens bis zu seiner gestaltung. keine ready-mades für den „eigenen garten“, sondern ein überblick, wie aus einem grundstück ein garten werden kann. was matschiess hier am beispiel eines ehemaligen ackers aufzeigt, gilt ebenso für den zukünftigen gärtner, der einen bereits vorhandenen garten übernimmt: erst mal genau hinsehen, beobachten … und selbst dann endet man beim „vom scheitern“. der autor schreib tacheles, unverblümt.

im kapitel lieblingspflanzen viel knöter: bistorta amplexicaulis (syn. persicaria amplexicaulis) / kerzenknöterich und b. officinalis / wiesen- oder schlangen-knöterich hybriden. aconogonon / bergknöteriche z.b. der hohe aconogonon speciosum ‚johanniswolke‘ (syn.a x fennicom oder polygonum polymorphum oder persicaria polymorpha … bei der deutschsprachigen bezeichnung sieht das übrigens nicht anders aus …) & sanguisorba / wiesenknopf. mehr knöter gibt es auf www.persicaria.de, der von matschiess betreute blog, zeigt die bisherigen ergebnisse der begutachtung von knöterich & co. im garten alst von perenne e.v.

bei den gehölzen, der phellodendron amurense / amur-korkbaum und coppicing-versuche mit sambucus nigra ‚black lace‘ und paulownia tomentosa / blauglockenbaum. als struktur-ersatz für gehölze empfieht der autor grossstauden: z.b. glycyrrhiza yunnanensis / chinesisches süssholz „die einzige staude, die im garten gelegentlich gestützt wird, …“ es lohnt sich, besonders im winter, wenn nicht zurückgeschnitten wird. eine weitere grosse alst-staude ist die weidenblättrige sonnenblume, helianthus salicifolius und h. salicifolius var.orgyalis, hier nur hippieblume (hermann gröne) genannt.

eigene sorten hat der garten schon: eine geranium psilostemon hybride (wahrscheinlich g. psilostemon x g. endressii): geranium ‚freies alst‘ & eine wiesenknopf (oder japanischer purpurkolben) auslese: sanguisorba hakusanensis ‚alster luft‘. die namensgebung ist so programmatisch wie der garten und das buch.

‚avantgardening‘ setzt als erste veröffentlichung in der von jonas reif herausgegebenen reihe der neuen edition gartenpraxis einen hohen standard. bitte mehr davon.

avant gardening, vor der gartenarbeit, lesen!

torsten matschiess,  ‚avantgardening. plädoyer für gegenwärtiges gärtnern.‘, fotos von jürgen becker, 192 s., brosch., edition gartenpraxis, ulmer verlag, stuttgart 2017, ISBN 978-3-8001-0872-5

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9 Gedanken zu “gartenbücher (#avantgardening)

  1. eine interessante und aussergewöhnliche Besprechung, so Detlev eben – ich freue mich schon auf die Lektüre (auch wenn ich wegen der Filter nun eine Gänsehaut habe, bin nämlich kein Liebhaber von ‚zu viel‘ 😉 )

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    • wo ist das errötete emoticon wenn man es brauch? … es geht schon mit den filtern. gibt schlimmere. den meisten wird das wahrscheinlich nicht einmal auffallen. sehe sowas nur immer zuerst. bestimmte berufskrankheiten werden pa­tho­lo­gisch 😉

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      • erzähl mal jungen fotostudenten sie sollen früh,ganz früh, am morgen oder vom späten nachmittag bis kurz vor sonnenuntergang fotografieren: die glotzen dich nur doof an …“mach ich mit photoshop“ … licht kennen die nicht mehr. gilt leider ebenfalls für viele ältere „fotografen“!

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      • bunte ef­fekt­ha­sche­rei. visual candy. sagt meist weder was über die pflanzen oder den garten etc. aus. „hübsch“. aber keine bilder die man länger betrachtet … betr. der bergenia: „I created my own pastel background texture to replace the dull original“ sagt alles. ja gärten sind manchmal „dull“. vieleicht macht es dann gerade der kontrast von pflanze und restlichem garten? oder mal genauer hinsehen und andere perspektiven suchen? da weiss ich wieder warum ich den job nicht mehr mache 😉

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      • Aufgrund der Viele-Bunte-Smarties-Fotos habe ich schon Abos gekündigt, mir taten wirklich die Augen weh. Ach Detlev, das Schlimme ist, dass viele echte Qualität gar nicht mehr erkennen. Wir sind ein Opfer des sinnlichen Overkills und können nur noch mit optischen Keulen erreicht werden. Sad world.

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  2. Pingback: Interview: AvantGardening, das neue Gartenbuch von Torsten Matschiess – berlingarten

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