gartenbücher (pflanzen – kultur)

pflanzengesellschaften, matrix und drifts, borders. der blick auf einzelne pflanzen geht verloren. details gehen im farbrausch unter. zwei bücher schärfen den blick und rücken die kulturgeschichte der pflanzen in den vordergrund. wenn man sich mal wieder was buntes aus dem baumarkt oder eine seltene sorte vom pflanzenmarkt holt, bringt man nicht nur farbe in den garten. gleichzeitig kommt eine botanische und kulturelle geschichte ins beet. gartenkultur! zwei bücher, die nicht nur kulturell von interesse, sondern für emsige gartenbuchleser eine augenweide sind:

abutilon bis viola elatior: fotografie & botanik

walter benjamin schrieb, in seiner besprechung des buches ‚urformen der kunst‘ (→ ’neues von blumen‘ & blümchen), dass die fotos von karl blossfeldt „einen ganzen unvermuteten Schatz von Analogien und Formen“ erschliessen. blossfeldt veröffentlichte die bilder ohne beschreibung: „Man wird aber das Schweigen des Forschers ehren, der diese Bilder hier vorlegt. Vielleicht gehört sein Wissen zu jener Art, die den stumm macht, der es besitzt.“ ‚urformen der kunst‘ erschien 1928. 1932 folgte ‚wundergarten der natur‘. die rezeption der bilder blieb formal, auf analogien beschränkt. foto-ästhetik, neue sachlichkeit & l’art pour l’art. der band ‚karl blossfeldt – meisterwerke‘ mit einer auwahl aus dem blossfeldt archiv der stiftung ann und jürgen wilde bringt blossfeldt ein wenig zurück in die botanik. neben den grossen tafeln im buch finden sich im hinteren teil des bandes „botanische erläuterungen“ von hansjörg küster, professor für pflanzenökologie am institut für geobotanik der leibniz universität hannover, autor von bücher über die natur- und kulturgeschichte der elbe, der nord- und ostsee und ‚die entdeckung der landschaft‘ im allgemeinen.

eine auswahl, die den blick schärft oder, wie blossfeldt selbst – hier schwieg er nicht – im vorwort zu ‚wundergarten der natur‘ schrieb sollen die bilder „den Sinn für die Natur wieder wecken, auf den überreichen Formenschatz in der Natur hinzuweisen und zu eigener Beobachtung unserer heimischen Pflanzenwelt anregen.“ jenseits von matrix oder drifts gibt es im eigenen garten viele details zu entdecken & viele kulturgeschichten, die in den erläuterungen von hansjörg küster zu finden sind. und selbst der botaniker gibt tipps für den garten. papaver orientale / türkischer mohn ist mit zwei tafeln vertreten. neben der blütenknospe die kapseln, bei denen küster auf frühen schnitt (trockenblumensträusse und aufräumen im beet ..) hinweist: „Aber vielleicht machen wir da etwas falsch“. ein blick auf blossfeldt und man pflanzt papaver nur wegen der kapseln … die erläuerungen zu phacelia tanacetifolia / rainfarn-phazelie oder büschelschön (2 tafeln: die blütenstände einmal solo und als duo) sind eine kleine kulturgeschichte: heute im sogenannten naturgarten als bienenweide beliebt und meist als „einheimsch“ angesehen, ist ein import aus amerika. bei saxifraga willkommiana (saxifraga pentadactylis ssp. willkommiana) stellt sich die frage: „Wo mag Blossfeldt die Pflanze gefunden haben, oder wer hat sie ihm gezeigt?“. Denn: „Willkomms Steinbrech wächst nur an wenigen Orten in spanischen Hochgebirgen, […] Die Pflanze ist nach den bekannten Botaniker Moritz Willkomm benannt, […]. Eine ganze Reihe von Belegstücken dieser seltenen Pflanze befindet sich in spanischen Museen oder auch im Herbarium von Paris“ & in den ‚urformen der kunst‘. heute wird bei fotos von pflanzen häufig die frage gestellt: ist das real oder photoshop? eine alte diskussion, denn fotografie war nie objektiv. auch blossfeldt hat „geschummelt“: bei acanthus mollis / wahrer bärenklau zeigt er die blütenstände mit den tragblättern, die weissen blütenblätter sind gezupft. im gegensatz zur üblichen architektonischen diskussion dieser pflanze (→ pflanzen & architektur: acanthus) stehen hier die tragblätter im vordergrund.

ein buch voller visueller, kulturgeschichtlicher & botanischer entdeckungen. sollte in einer gut sortierten gartenbibliothek nicht fehlen. die grösse des bandes, 23,5 x 36,5 cm, macht das einsortieren im regal etwas schwierig, führt jedoch zu häufigerem blättern. leider werden die meisten buchhändler dieses buch „nur“ unter fotografie einordnen: es gehört jedoch in die abteilung gartenbücher. das cover (eine nicht genauer zu bestimmende aristolochia / osterluzei , zurüchhaltende typo & viel weiss, kein horror vacui) würden die „normalen“ mit photoshop zu tode bearbeiteten und mit vignettechen zugekleisterten titel alt aussehen lassen …

‚karl blossfeldt – meisterwerke‘, hrsg. von ann und jürgen wilde, mit einem text und botanischen erläuterungen von hansjörg küster, 160 s. geb., schirmer/mosel, münchen 2016, isbn 978-3-8296-0725-4

abutilon bis zinnia: natur- & kulturgeschichte

noel kingsbury ist autor zahlreicher gartenbücher (zuletzt u.a. zusammen mit piet oudolf ‚planting: a new perspective‘) gartenarchitekt und blogger mit eigenem garten, montpelier cottage, an der grenze zu wales. einer der bekanntesten englischsprachigen gartenautoren und einer der für anglo-amerikanische verhältnisse ungewöhnlichsten: immer einen blick auf die ökologie und über den ärmelkanal. mit piet oudolf schreibt er bücher und kennt die kontinantaleuropäischen gärten und gärtner. in anderen englischsprachigen gartenbücher häufig nur eine schnell angelesene fussnote.

‚garden flora: the natural and cultural history of plants in your garden‘ ist kein buch zum durchlesen. ein buch, das selten an seinem platz im buchregal zu finden sein wird. für ein coffee table book viel zu nützlich.ein nachschlagewerk, das griffbereit liegt. die introduction bietet einen überblick zum verständnis der pflanzenwelt: von the genus, ecology über tradition and uses bis zur history of cultivation gibt der autor einen überblick zum botanischen und kulturellen verständnis der pflanzen. es folgen porträts verschiedener familien, gattungen und arten. von kurzen texten bis zu kleinen pflanzenmonografien. wer bei rosen durchblicken will, oder wer nach der botanischen neuordnung der astern den überblick verloren hat, findet hier eine gute zusammenfassung. verstreute zitate jenseits der üblichen heile-welt-blümchen-sprüche: viel piet oudolf & henk gerritsen, japanisches neben sackville-west & robinson bis zu habermas, henry david thoreau & ronald reagan …

so vielfältig die auswahl an pflanzen ist so unterschiedlich die darstellung durch die jahrhunderte. blumensträusse aus dem gouden eeuw, historische illustrationen aus gartenmagazinen und katalogen & viel dezent coloriert japanisches … beim artíkel über gräser eine doppelseite mit schwarz-weiss fotos von karl förster, davon 1/1 s. avena glauca, heute helictotrichon parlatorei, vor plattenbau & eine doppelseitige s/w illustration aus ‚ the english flower garden‘ von william robinson mit yucca (nein, nicht die yuccapalme!). s/w und historische illustrationen in einem gartenbuch, das durchaus auf das breitere publikum hin angelegt ist, das trauen sich nur wenige verlage … über schwierigkeiten bei der bildauswahl und -beschaffung hat kingsbury auf seinem blog geschrieben → ‚A Garden Flora‘ – for Christmas reading all year round.

zu den einzelnen pflanzen erfährt man vieles über herkunft, hybriden & pflanzenmoden. im letzten kapitel, epilouge: these we have lost, stellt kingsbury einige züchtungen vor, die verloren gegangen sind. mit jeder ausgestorbenen hybride geht ein stück gartenkultur unter.

noel kingsbury, ‚garden flora: the natural and cultural history of the plants in your garden‘, 368 s., geb., timber press, seattle 2016, isbn 978-1-60469-565-6

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2 Gedanken zu “gartenbücher (pflanzen – kultur)

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