gartenbücher (alexander von humboldt & ein spaziergang nach telgte)

was ist ein gartenbuch? blümchen & deko? das wäre wohl die antwort, wenn man nach dem üblichen angebot in einer buchhandlung geht. gärten haben mit natur erstmal nichts zu tun. die „natur“ ist jedoch eine wichtiger bestandteil eines gartens. was ist „natur“? humboldt gibt einige antworten & jenseits des gartens: „natur“ und kulturlandschaft, ein spaziergang im münsterland.

gartenbücher_1_16_500

humboldt, alexander von

humboldt? das sind die beiden herren, die vor der gleichnamigen universität in berlin, unter den linden, auf sockeln sitzen (alexander und sein älterer bruder wilhelm). nach alexander ist eine architektonisch und finanziell fragwürdige schlossrekonstruktion in berlin benannt, einige schritte weiter über die spree. ihre inhaltliche konzeption ist noch schwammig. humboldt weltweit: humboldtstrom und der spheniscus humboldti / humboldt-pinguin, die lilium humboldtii / humboldt’s lily endemisch in kalifornien, humboldt county und humboldt river im us bundesstaat nevada (der ursprünglich humboldt heissen sollte), denkmäler im new yorker central park und in dem nach ihm benannten park in chicago. es gab sogar mal ein humboldt-jahr … gelesen und rezipiert wird er im deutschsprachigen raum wenig (im universitären kontext) bis gar nicht.

andrea wulf hat bereits über gärten und ihren politischen kontext geschrieben: ‚the founding gardeners‘ über die gärtner und gründer der usa thomas jefferson, george washington, etc. jetzt alexander von humboldt, den jefferson „one of the greatest ornaments of the age“ nannte. jefferson lernte humboldt auf der rückreise von seiner lateinamerika-expedition kennen.

alexander von humboldt, 1769 – 1859, preusse jenseits des „im gleichschritt, marsch!“ und naturforscher (geologie, botanik, vegetationsgeographie, zoologie, klimatologie, ozeanographie … die aufzählung könnte endlos weitergehen). nach studienjahren in frankfurt/oder (langweilige kameralwissenschaft, die mutter hatte eine preussische staatskarierre für ihn geplant) lernte er in göttingen georg forster kennen mit dem er auf seine erste reise ging (georg forster, ‚ansichten vom niederrhein, von brabant, flandern, holland, england und frankreich‘, 1790). nach kurzen aufenthalt in hamburg, geht es an die bergakademie in freiberg. humboldt wird assessor im preußischen bergdepartement.

er träumt vom reisen. in paris lernt er den botaniker aimé bonpland kennen. finanziell durch das erbe seiner verstorbenen mutter abgesichert und mit erlaubnis des spanischen königs zu forschungen in den spanischen kolonien in amerika ausgestattet, bereisten er und bonpland von 1799 bis 1804 die neue welt. sie erforschen flussläufe, besteigen vulkane, sammeln pflanzen und tiere. viele europäer sind gereist und haben gesammelt. die museen und deren depots sind voll davon. humboldt war der erste, der zusammenhänge sieht und diese aufzeigt. seine schriften sind bei allen aktuellen diskussionen über natur, klima, etc. wichtige referenzwerke. in den ländern lateinamerikas (die heutigen staaten venezuela, kolumbien, ecuador, peru, mexiko und kuba), die er bereist hat, geniesst er bis heute eine fast heiligenmässige verehrung. der spätere preussischer kammerherr von humboldt wird in den kolonien zum gegner der sklaverei. er bewundert die gerade gegründeten vereinigten staaten, sieht aber auch die probleme. er verbindet feldforschung mit „gefühl“. als einer der ersten fiel ihm der von menschen verursachte klimawandel auf. charles darwin las humboldts bücher auf der beagle, ebenso henry david thoreau, als er an ‚walden or, life in the woods‘ (1854) schrieb. der einfluss von humboldt im 19. und frühen 20 jh. in den usa ist auf dieser seite das atlantik fast unbekannt: z.b. auf george perkins marsh, der als erster umweltschützer gilt oder auf john muir, den „father of the national parks“ und gründer des sierra clubs, dem der erhalt und schutz des yosemite valley (yosemite national park) und des sequoia national park zu verdanken sind.

die autorin hat nicht nur in der berliner staatsbibliothek den nachlass von alexander von humboldt studiert, sie ist für die recherche wie ihr „held“ auf den chimborazo in ecuador gestiegen und hat unter anderem die blockhütte von thoreau in den wäldern von massachusetts besucht. diese humboldtsche neugierde ist auf jeder seite des buches zu spüren.

‚the invention of nature. alexander von humboldt’s new world‘ ist wahrscheinlich die beste einführung in das werk von humboldt und dessen wirkung und zeigt aus anglo-amerikanischer perspektive (es ist manchmal ganz gut die perspektive zu wechseln …) die heutige relevanz seiner schriften. ‚ansichten der natur‘ (1808) und der ‚kosmos – entwurf einer physischen weltbeschreibung‘ (1845–1862) sollten in keinem buchregal fehlen. wer heute über „natur“ nachdenkt, sollte erstmal humboldt (wieder) lesen. das buch von wulf hat neben den werken von humboldt einen festen platz im buchregal.

andrea wulf, ‚the invention of nature. alexander von humboldt’s new world‘, 496 s., geb., alfred knopf, new york und john murray, london, 2015.

münsterland: ein spaziergang nach telgte

manchmal muss man raus aus dem garten. spazierengehen ist eine gute alternative zum gardening. einer der ursprünge des spazierganges, heute häufig zu einer sportlichen aktivität verkommen, ist die wallfahrt.

an der ems, ca. 15 kilometer östlich von münster gelegen, liegt telgte. nach dem dreissigjährigen krieg im zuge der gegenreformation, liess der fürstbischof von münster christoph bernhard „bommen berend“ von galen 1654 eine wallfahrtkapelle (begonnen von dem franziskaner jodokus lücke und 1697 fertiggestellt von peter pictorius d. ä.) für das gnadenbild der schmerzhaften maria bauen. die pietà aus pappelholz entstand um 1370 und war ursprünglich eine schenkung eines im lübeck verstorbenen telgter kaufmanns für das grab seiner eltern. auf veranlassung des fürstbischofs friedrich christian von plettenberg (erbauer des „westfälischen versailles“, schloss nordkirchen) wurden 1701 die wallfahrer des münsterlandes vom niederrheinischen kevelar nach telgte umlenkt. telgte entwickelte sich zum hauptwallfahrtort der region. anfang des 19. jahrhundert waren die pilgerzahlen rückläufig. aufschwung erlebte der weg nach telgte nach der besetzung westfalens durch die protestantischen preussen. demonstrationen waren verboten und als 1837 der aus dem münsterland stammenden erzbischof von köln clemens august droste zu vischering verhaftet wurde, führte der kulturkampf zu einem anstieg der wallfahrten …

das buch ‚der prozessionsweg nach telgte – stationen für geist und seele‘ beschreibt den alten weg von münster nach telgte. einer der besten spaziergänge – oder als pättkestour – im münsterland. der bereich „geist und seele“ des buches überstrapaziert den leser zwar nicht mit dem für das thema üblichen theologisch-seelsorgerisch-esoterischen jargon, auf das zitat aus dem obligatorischen pilgerbuch von kann man jedoch gut verzichten … weiterblättern …

der weg führt traditionell durch das hörster- oder das mauritztor der stadt münster zuerst zur, vor den stadt gelegenen, pfarrkirche sankt mauritz. hier beginnt der prozessionsweg, eine lindenallee (tilia platyphyllos / sommer-linden), mit ursprünglich vier stationsbildern (1848) des bildhauers johann adam ney. an dessen ende, nachdem man den dortmund-ems-kanal überquert hat, befindet sich das barocke gabelkreuz – „weisses kreuz“(1708) – von johann wilhelm gröninger. der weg führt weiter durch eine kiefernallee (pinus sylvestris / wald-kiefern). kurz vor der werse, einem zufluss der ems, verläuft die historische route parallel zur bundesstrasse 51, hier der warendorfer strasse, oder über die neue route in richtung pleister mühle. hier, am ufer der werse, findet der spaziergänger eine grosse anzahl von salix / weiden: das überschwemmungsgebiet ist das ideale habitat für s. viminalis / korbweiden, s. triandra / mandel- , s. fragilis / bruch- und s. slba / silber-weiden. durch die bauerschaften vorbei an bildstöcken und hofkreuzen, geht es weiter nach telgte, wo eine botanische attraktion auf den besucher wartet: die ca. 800 jahre marienlinde, eine sommer-linde.

thomas hövelmann von der nabu-naturschutzstation münsterland e.v. und leiter der ag botanik des nabu münster, beschreibt in seinem beitrag „eisvogel und blaustern – [die] flora und fauna auf der pilgerstrecke“. der spaziergänger findet im frühling u.a. ein seltenes vorkommen des allium paradoxum / wunder-lauch, der wahrscheinlich aus umliegenden gärten verwildert ist (garten, „natur“? …). ursprünglich ist dieser, dem allium ursinum / bärlauch ähnlich, im kaukasus, nord-iran und in turkmenien heimisch. sonst findet man diesen, auch berliner bärlauch genannten allium, in grossen mengen nur im plänterwald und dem treptower park.

wer in telgte angekommen ist und noch weiter will (bzw. kann), dem seien der waldfriedhof lauheide mit seinen, für das münsterland typischen, quercus robur / stiel-eichen – teilweise mehrstämmige bäume, die durch stockauschlag entstanden sind (die rinde wurde zum gerben von leder genutzt, lohe von gerberlohe, plattdeutsch: lau, und heide) – und verschiedenen carex / seggen plus wacholder in den heidegebieten empfohlen. mehr juniperus communis findet sich auf der anderen seite der ems: die klatenberge, eine binnendüne mit wacholderheide. in der emsaue lauheide, einem projekt der nabu-naturschutzstation münsterland, leben heckrinder und koniks.

initiative prozessionsweg st. mauritz e.v., ‚der prozessionsweg nach telgte – stationen für geist und seele‘, 154 s., geb., aschendorff verlag, münster 2015.

Advertisements

2 Gedanken zu “gartenbücher (alexander von humboldt & ein spaziergang nach telgte)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s