„Underneath the mistletoe …“: viscum album / weißbeerige mistel

§. 14. Bey denen Eichen ist nicht vorbey zugehen der Mistel oder Mispel / als welches ein seltsam Gewächse / da Holz wieder auf Holz wächset.

Fronde virere nova, quod non sua seminat Arbor, [vergil, aeneis, VI, 206]

[…] Dieses Mispels Zweige sind alle in form eines Creutzes / haben Blätter / gleich dem Buchs=Baum / länglicht als wie Zungen gestaltet / so aber im Winter abfallen / sie tragen auch Beere / so dem Menschen schädlich / aus welchem ein Leim bereitet wird / wenn sie aber mit Rauten gesotten und eingenommen werden / treiben sie den Schweiß / und sollen denen so mit der fallenden Seuche beladen / dienlich seyn / wie [joachim] Camerarius [d. j., kreutterbuch] schreibet. Mit diesen Mistel wird vielerley Aberglauben getrieben / und solcher den Kindern / wider den schwehren Gebrechen und Beherung an den Halß gehenget / wie DODONAUS [rembert dodoens, cruydeboeck] schreibet / siehe hiervon weiter [johannes heinrich] URSIN[us] Arbor[etum] Bibl[icum: cum continuatione historiae plantarum biblicae] Sect. 2 cap. 15 p. 236 sqq.

hans carl von carlowitz, ‘sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche nachricht und naturmäßige anweisung zur wilden baum-zucht, […]‘, leipzig, 1713.

typisch für europa ist die viscum album / weißbeerige mistel oder laubholz-mistel. ein immergrüner strauch und halbschmarotzer der seiner wirtspflanze wasser und mineralien entzieht. neben der viscum album subsp. album / laubholz-mistel sind unterarten zu finden: viscum album subsp. abietis / tannen-mistel auf abies alba / weisstannen und viscum album subsp. austriacum / kiefern- oder föhren-mistel auf pinus sylvestris / waldkiefern und pinus nigra / schwarzkiefern. dazu die im herbst laubabwerfende loranthus europaeus / eichenmistel mit gelben beeren die vor allem auf quercus / eichen und teilweise auf castanea sativa / edelkastanien wächst. viscum album ist auf eichen eher selten, deshalb wahrscheinlich um so heiliger.

zu erst denkt am an panoramix (dt. miraculix) den druiden aus ‚asterix‘. misteln auf eichen & goldene sicheln: keine erfindung von rené goscinny und albert uderzo, sondern bereits von plinius d. ä. im buch XVI seiner ’naturalis historia‘ erwähnt. ob der goldene zweig des aeneas (vergil, ‚aeneis‘) oder als mordwaffe mit der der germannische gott balder getötet wird (snorra-edda) … in der jüdischen und christlichen tradition wird u.a. die scharlachrot blühende mistel-art loranthus acaciae, die in palästina und auf sinai-halbinsel auf (dornigen) akazien wächst, als der brennende dornbusch (2. buch mose / exodus 3,2) auf dem berg sinai, in der bibel horeb, gedeutet. kaum eine pflanze ist so kulturübergreifend mythologisch aufgeladen.

als wirtspflanzen der viscum album kommen ebenfalls alte obstbäume auf streuobstwiesen in frage:

Wie kann der alte Aefelbaum
So lockre Früchte tragen,
Wo Mistelbüsch‘ und Mooses Flaum
Aus jeder Ritze ragen?

annette von droste-hülshoff, ‚die schmiede‘ in dies. ‚gedichte‘, stuttgart / tübingen, 1844.

baur_misteln_postkarte_500

max baur, viscum album. postkarte (gestempelt 1940, feldpostkarte), max baur verlag, potsdam.

als weihnachtsdekoration, besonders in grossbritannien – mittlerweile fehlt ein stand mit mistelzweigen auf keinem deutschen weihnachtsmarkt – wird der mistletoe ab dem 18. jh genutzt. die tradition sich unter der mistel zu küssen ist bereits im 16. jh. in england belegt. ein brauch der bei kindern zu sexueller und kulturgeschichtlicher verwirrung führen kann:

I saw Mommy kissing Santa Claus
Underneath the mistletoe last night

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