virtuelles lapidarium: der betende knabe

von griechenland nach preussen

gefunden wird die statue, entstanden am ende des 4. jh. v. chr, ohne arme im späten 15. jh. auf rhodos bei bauarbeiten zur verstärkung der stadtmauer. sie gelangt nach venedig, hier wird dem knaben um 1558 der linke vorderfuss neu angesetzt, dann nach verona und schließlich in die sammlung der familie gonzaga nach mantua. nach einem kurzen aufenthalt in london im besitz von charles I., kommt sie nach frankreich in die sammlung von nicolas foucquet, dem finanzminister von ludwig XIV., hier werden die arme ergänzt, neue augen eingesetzt und risse repariert. der knabe findet seinen platz in foucquets schloss vaux-le-vicomte.

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„example touchant les proportions et les contours“: ganymed in gesellschaft des herkules farnese (m.) & des apollo von belvedere (2. von r.). aus henri testelin, ’sentimens des plus habiles peintres du tems, sur la pratique de la peinture et sculpture: recueillis & mis en tables de preceptes, avec six discours academiques, extraits des conferences tenuës en l’academie royale desdits arts […]‘, paris, 1680.

weiter geht es nach wien in die sammlung von prinz eugen von savoyen, in den gelben salon seines winterpalais‘, und in die sammlung von josef wenzel von lichtenstein.

1747 kaufte friedrich II. von preussen die statue aus der sammlung lichtenstein und liess sie im gitterpavillon an der ostseite von sansscousi aufstellen. er konnte sie so von seiner bibliothek aus sehen …

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Zu Ende der Laubengänge sind Kabinette von eiserner Gitterarbeit, mit vergoldeten Zierrathen und Kindergruppen obendrauf. In dem, das rechter Hand liegt, ist eine der vortreflichsten ehernen Antiken, die ganz erhalten sind: Antinous, in der Stellung, wie er sich in den Nil stürzen will.

friedrich nicolai, ‚beschreibung der königlichen residenzstädte berlin und potsdam und aller daselbst befindlicher merkwürdigkeiten: nebst anzeige der jetztlebenden gelehrten, künstler und musiker, und einer historischen nachricht von allen künstlern, welche vom dreyzehnten jahrhunderte an, bis jetzt, in berlin gelebt haben, oder deren kunstwerke daselbst befindlich sind.‘, bd. 2, Berlin, 1779 (erstausgabe 1786).

1786 wurde der knabe in das berliner stadtschloss gebracht. nach einem zwischenspiel von 1807 bis 1830 als napoleonische kriegsbeute im louvre, kehrt er 1830 nach berlin zurück und kommt in die antikensammlung im neuerbauten alten museum von karl friedrich schinkel (cf. das aquarell von carl emanuel conrad ‚rotunde des museums am lustgarten`, stiftung preußische schlösser und gärten berlin-brandenburg, graphische sammlung, nach 1830). im gitterpavillon stand ab 1787 die statue ‚gerechtigkeit‘. von 1846 bis 1900 ein abguss aus bronze von wilhelm hopfgarten. seit 1900 ein abguss aus der bronce-waaren-fabrik l. c. busch, berlin.

ein weiterer abguss und ein zitat, befindet sich im schloss glienicke. prinz carl von preussen liess an der gartenseite des casinos eine kopie aufstellen. der frühstücksplatz an der ostseite des casinos ist mit einem wandbild, das silhouetten berühmter antiken zeigt, ausgeschmückt, u.a. die arme des ‚betenden knaben‘: ein antiken-ratespiel das zur konversation beitragen sollte…

vor der orangerie in neustrelitz auf einer korinthischen marmorsäule steht ein betender knabe aus bronze. aufgestellt während der umgestaltung der anlage ab 1840 durch peter joseph lenné, karl friedrich schinkel und friedrich wilhelm buttel. in der orangerie ein weiterer abguss der skulptur aus der sammlung von georg, großherzog von mecklenburg und bruder der preussischen königin luise.

im wörlitzer park steht ein abguss in einer nische am ende der pergola der eisenhart, neumarks garten.

es wird angenommen, dass der ‚betende knabe‘ das vorbild für den gläsernen menschen (1930) und die gläserne frau (1935) im deutschen hygiene-museum dresden war.

von der sexualität zur religion

erst für ganymed gehalten, im 16. jh als apoll oder mercur bezeichnet und im 18. jh. als ‚adorant‘, lat. adoro/adoratio = anbetung, setzt sich anfang des 19 jh. die bezeichnung ‚betender knabe‘ durch. das anfügen der arme – und der wechsel von privaten in eine öffentliche (um das preussische mal bei seite zu lassen…) sammlung – macht aus dem knaben eine religiöse figur, die vorher als ganymed – und zeitweise als antinous – eher (homo)sexuelle interpretiert wurde, immer wieder mit rückgriffen auf die „alten“ deutungen:

So viel ich nun aus den antiken Theilen der Figur, namentlich den Armansätzen und aus der Richtung des Kopfes einen Anhalt zu gewinnen vermag, erscheint mir die Ergänzung der Arme durchaus wahrscheinlich; höchstens dass die Biegung der Hände im Gelenk in der Antike etwas gelinder gewesen sein möchte. Immer bleibt dann mit der Ergänzung die Auffassung der Figur als einer zum Himmel erhobenen Händen betenden einzig ansprechend.

Von den sonst vorgeschlagenen Namen leidet keine auch nur den ersten Anlauf ernstlicher Prüfung. Wenn die Bronze im alten venetianischen Inventar Mercur hiess, wenn dann lange, erst von [konrad] Levezow beseitigt, der Name Antinous gangbar war und Levezow [in ‚der freimüthige, berlinische zeitung für gebildete, unbefangene leser‘, nr. 17, berlin, 1803] vorübergehend dafür an Ganymed denken wollte, so hatte man damit Benennungen, die für eine schöne Jünglingsfigur sich allenfalls eigneten, sonst aber des Treffenden durchaus entbehrten. […]

alexander conze, ‚der betende knabe in den königlichen museen zu berlin‘ in ‚jahrbuch des kaiserlich deutschen archäologischen institus‘, hrsg. v. max fränkel, berlin, 1887.

postscriptum: knabe & windspiele unter tilia tomentosa / silber-linden

1836 erteilte friedrich wilhelm III. den auftrag für ein reiterstandbild friedrichs II. für die verherrlichung des kunstliebenden fritz wurde, neben den obligatorischen flötenspiel, der ‚betende knabe‘ als symbol genutzt. die anliefeung der statue in sanssouci ist auf dem sockel des reiterstandbildes von christian daniel rauch verewigt:

Diese Friedens-Seite führt uns zu der obersten Abtheilung, an welcher als dem Abschlusse des ganzen Fußgestelles das Persönliche des Gefeierten mehr hervortritt. […] Die […] Seite, der Universität gegenüber, zeigt den König in seinen schaffenden Bemühungen für Kunst und Gewerbe, wie in seinen der Kunst gewidmeten Erholungen: […]; im dritten [bilde] (No. 15.) bringt ihm in der ländlichen Ruhe von Sans-Souci [georg wenzeslaus von] knobelsdorff ein classisches Werk der Antike, den betenden Knaben von Bronze, während die bekannten Windspiele ihn umspringen.

ignaz von olfers, ‚denkmal könig friedrichs des großen. enthüllt am 31. mai 1851‘, berlin 1851.

eine kleine randbemerkung zum reiterstandbild, das eine vergangenheit als „gartenskulptur“ hat: von 1962 bis 1980 war das denkmal im hippodrom beim schloss charlottenhof im park von sanssouci aus politischen gründen abgestellt und wurde 1987, anlässlich des 750. stadtjubiläums berlins auf veranlassung des generalsekretärs des zk der sed und vorsitzenden des staatsrates der ddr genosse erich honecker wieder, um einige meter versetzt, am alten standort auf der strasse unter den linden aufgestellt:

An dem Reiterstandbild von Friedrich dem Grossen in Ostberlin fällt auf, dass die Generalität vorn steht und um das Pferd herum, aber hinten am Schwanz, da wo die Scheisse fällt, da stehen die Intellektuellen.

heiner müller, ‚krieg ohne schlacht: leben in zwei diktaturen‘, köln, 1992

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5 Gedanken zu “virtuelles lapidarium: der betende knabe

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