crambe maritima / meer- oder strandkohl: vom strand in den garten

an den küsten des nordatlantiks, am ärmelkanal, an der nord- und besonders an der ostsee, bis zum schwarzen meere kommt der crambe maritima / meer- oder strandkohl natürlich vor. wie bei den meisten pflanzen, unter schwieriger werdenden bedingungen …

am strand und im garten

denkt man an crambe maritima und interessiert sich nicht gerade für alte gemüsesorten, fällt zuerst der name eines gartens: prospect cottage. eine der besten plätze sea kale zu sehen ist auf der landzunge dungeness in kent. auf der suche nach locations für seinen film ‚the garden‘ (1990) entdeckte derek jarman zusammen mit tilda swinton und seinem lebengefährten keith collins, der sich heute um prospect cottage kümmert, die fischerhütte auf dungeness. in dem von jarman ab 1986 angelegte garten und der umgebung hat crambe maritima seinen auftritt als gartenpflanze (zusammen mit dem als zierpflanze häufiger in gärten anzutreffenden crambe cordifolia / riesen-schleierkraut) und im natürlichen habitat, die übergänge sind fliessend …

botanik & gemüse (chelsea & göttingen)

eine prominente botanische erwähnung hatte der crambe maritima 1731 im ‚gardener’s dictionary‘ von philip miller, von 1722 bis 1770 chief gardener des chelsea physic garden:

CRAMBE. Lin. Gen. Plant. 739. Tourn. Inst. R. H. 211. tab 100 […] Sea Cabbage.

THE CHARACTERS are,

The empalement of the flower is composed of four oval concave leaves which spread open. The flower hath four petals, placed in form of a cross, which are large, oblong, and spread open; it hath six stamina, two of which are the length of the empalement, the other four are longer, and bifid at their points; these are terminated by single summits, which branch into threads on their outside. The petals have honey glands on their inside, which are longer than the stamina. It hath an oblong germen, but no style, crowned by thick stigma. The germen afterward becomes a round dry capsule, with one cell, inclosing one roundish seed.

[…]

THE SPECIES are,

1. CRAMBE (Maritima) foliis cauleque glabris. Fl. Suec. 570. Sea Cabbage with smooth stalks and leaves. Crambe maritima brassicæ folio. Tourn. Inst. 211.

[…]

The first sort sends out many broad smooth leaves, which are deeply jagged on their sides in obtuse segments, and are of a grayish colour, spreading near the ground; between these arise a thick smooth foot-stalk about one foot high, which spreads out into many branches, which have at each joint one leaf of the same form as those below, but much less; these footstalks subdivide again into many smaller, which are garnished with white flowers, growing in a loofe obtuse spike, composed of four concave petals, placed in form of a cross; these are succeeded by round dry seed-vessels about the size of large Pease, having a single seed in each. It flowers in June, and the seeds ripen in autumn. The roots of this sort creep under ground, whereby it propagates very fast.

[…]

The first species is found wild upon sea-shores in divers parts of England, but particularly in Sussex and Dorsetshire in great plenty, where the inhabitants gather it in the spring to eat, preferring it to any of the Cabbage kind; as it generally grows upon the gravelly shore, where the tide overflows it, the inhabitants observe where the gravel is thrust up by the shoots of this plant, and open the gravel, and cut the shoots before they come out, and are exposed to the open air, whereby the shoots appear as if they were blanched; and when they are cut so young, they are very tender and sweet; but if they are suffered to grow till they are green, they become tough and bitter. This plant may be propagated in a garden, by sowing the seed soon after it is ripe, in a sandy or gravelly soil, where it will thrive exceedingly, and increase greatly by its creeping roots, which will soon overspread a large spot of ground, if encouraged; but the heads will not be fit to cut until the plants have had one year’s growth: and in order to have it good, the bed in which the plants grow, should, at Michaelmas [29. september, fest des erzengels michael etc.], be covered over with sand or gravel about four or five inches thick, which will allow a proper depth for the shoots to be cut before they appear above ground; and if this is repeated every autumn, in the fame manner as is pratised in earthing of Asparagus-beds, the plants will require no other culture. This may be cut for use in April and May, while it is young; but if the shoots are suffered to remain, they will produce fine regular heads of white flowers, which appear very handsome, and will perfect their seeds, by which they may be propagated.

philip miller, ‘the gardeners dictionary: containing the best and newest methods of improving the kitchen, fruit, flower garden, and nursery; as also for performing the practical parts of agriculture: including the management of vinyards, […]. london, 1768 (8th edition).

1799 erschien das buch ‚directions for cultivating the crambe maritima or sea kale for the use of the table‘ von willian curtis, von 1771 bis 1777 praefectus horti des chelsea physic garden in london.

bereits 1801 die deutsche übersetzung: ‚beschreibung des seekohls (crambe maritima) und der auf erfahrungen gegündeten cultur desselben für die küche‘, übersetzt und mit zusätzen versehen von carl friedrich august müller. das vorwort stammt von georg franz hoffmann, von 1791 bis 1802 direktor des botanischen gartens (→ alter botanischer garten …) in göttingen. bereits nach einer anzeige im ‚botanical magazine‘ (oder ‚curtis’s botanical magazine‘, heute eine publikation von kew gardens) von curtis 1797 (abgedruckt im vorwort) nahm hoffmann kontakt auf und erhielt samen „die schon vorlängst in dem hiesigen botanischen Garten eingeführt [worden waren]“. albrecht von haller erwähnt nur crambe orientalis (‚enumeratio plantarum horti regii et agri gottingensis‘, göttingen, 1753).

Als ein eßbarer Artikel scheint der Seekohl in England besser, als in irgend einem andern Theile Europens bekannt zu seyn. Hier allein schätzt man seinen Werth gehörig, und weiß mit dessen Anbau geschickt umzugehen. Doch ist er auch bey uns bey weitem noch nicht ein Gegenstand der allgemeinen Cultur geworden.

Es würde schwer fallen, den eigentlichen Zeitpunct zu bestimmen, wo der Seekohl zuerst als Küchengewächs in Gebrauch kam. Schon seit undenklichen Zeiten verstanden die Bewohner mehrerer Gegenden unserer Seeküste, vorzüglich Devonshire, Dorsetshire und Sussex, denselben für ihre Küche sich zu verschaffen, und zogen ihn allem andern Gemüse vor. Sie suchen nämlich im Frühjahre die wildwachsenden Pflanzen auf, wenn diese eben aus dem Boden hervorkommen; räumen den Kies, oder Sand, womit sie gewöhnlich bedeckt sind, einige Zoll tief weg, und schneiden hierauf die jungen zarten Sprossen der Blätter und Stengel ab. So, unentfaltet, zugleich im gebleichten Zustande, an der Wurzelkrone noch geschlossen, ist der Seekohl in seiner höchsten Vollkommenheit.

[…]

Über den Geschmack des Seekohls sind, wie gewöhnlich in solchen Fällen, die Meynungen getheilt. Einige ziehen ihn selbst dem Spargel vor, mit dem auch die Blumenstengel am nächsten überein kommen; Andere schätzen ihn blos höher, als gewöhnlichen Kohl. Die allgemeine Stimme entscheidet indessen sehr zu seinem Vortheil.

In den bemerklichen Würkungen auf den menschlichen Körper kommt er mehr mit anderen Kohlarten, als dem Spargel, überein; theilt auch dem Urin nicht, wie dieser, einen unangenehmen Geruch mit.

william curtis, ‚beschreibung des seekohls (crambe maritima) und der auf erfahrungen gegündeten cultur desselben für die küche‘, göttingen, 1801.

an ihren natürlichen standort in england, deutschland und dänemark steht die pflanze heute unter naturschutz …

gemüse (preussen)

in königlichen küchengärten war er ebenfalls zu finden. der spätere george IV. soll ihn in seinem royal pavilion in brighton aufgetischt haben. nicht nur am ärmelkanal, wo man mit natürlichen vorkommen rechnen kann, auch in „des heiligen römischen reiches streusandbüchse“ war der crambe maritima zu finden, im küchengarten, jedenfalls in königlichen:

Auf Berliner Gemüse=Märkten findet man ihn bis jetzt nicht, nur er scheint als Stellvertreter des Spargels noch nicht gehörig bekannt zu seyn. Der Strandkohl wächst an vielen Orten im nördlichen europa, am strande der Nord= und Ostsee, in Pommern, Dänemark und England wild. Der Boden, den er besonders liebt, ist ein hochliegendes Gartenland von mittelmäßiger Güte, mit etwas Sand vermischt, und mit Kuhmist gedüngt. In einem niedrigen und schweren Boden gedeiht er nicht so gut, als in jenem.

heinrich august brasch, hofgärtner des prinzen august ferdinand von preussen im garten von schloss bellevue, beschreibt die aussaat, anzucht, und das bleichen des meerkohls.

seine kollege aus potsdam, joachim heinrich voß, hofgärtner und zuständig für den küchengarten in potsdam, verfasst einen zusatz:

Man sehe Wilhelm Curtis Beschreibung des Crambe maritima; von Müller und Hoffmann ins Deutsche übersetzt. […] Seit 13 Jahren habe ich mich mit dieser Pflanze beschäftigt, und denselben die größte Kultur angedeihen lassen, doch nicht gefunden, daß sie dem Spargel gleich zu stellen sei.

‚ueber den anbau und die benutzung des see=, meer= oder strandkohls, crambe maritima l.‘ vom königl. hofgärtner, herrn brasch, zu bellevue; nebst zusatz vom königl. hofgärtner, herrn voß, zu sanssouci. in ‚verhandlungen des vereins zur beförderung des gartenbaues in den königlich preussischen staaten‘ bd. 1, berlin, 1824.

preussische hofgärtner unter sich … der küchengarten des potsdamer stadtschlosses, der marlygarten (heute teil des park sanssouci), wurde 1715 auf anweisung von friedrich wilhelm I. (des vaters von friedrich II., sanssouci existierte noch nicht …) angelegt. 1845–1847 wandeln peter joseph lenné, der schwiegersohn von joachim heinrich voß, und gustav meyer das gelände in einen landschaftsgarten um. kein meerkohl mehr. nach 1945 wurde der garten des schlosses bellevue, die bäume waren schon verheizt, als gemüsegarten von den berliner genutzt: ob meerkohl angebaut wurde?

90 km bis zum meer

ein versuch als zierpflanze (auf den tisch kommt spargel, der weisse!) im „eigenen garten“. trotz warnhinweis:

Seakale, Crambe maritima, is good though too many pests batten on to it for my liking: flea beetles, cabbage white caterpillars and a small grey weevil work on mine. Still, the 90 cm [in anderen quellen ca. 50 cm, aber dass hier ist great dixter…] domes of honey-scented white blossom are delicious in May. Cut it down after flowering and it will be a foliage plant for the rest of summer.

christopher lloyd , ‚drought-tolerant plants‘ in the guardian, 19/08/1989, reprinted in ‘cuttings – a year in the garden with christopher lloyd’, london, 2007.

der garten hat bedingt durch die vorherrschenden westwinde einen maritimen einfluss. ein paar häuserblocks bis zur elbe und ca. 90 km luftlinie (altona – cuxhaven) zur offenen nordsee … & in der ‚flora danica‘ (‚abbildungen der pflanzen, welche in den königreichen dännemark […], in den herzogthümern schleßwig und holstein [d.h. altona!] wild wachsen […]‘, vol. VI, tafel CCCXVI, 1767) ist der strandkål schliesslich ebenfalls zu finden…

curtis_crambe_maritima_ill_500   ill. aus curtis, ‚beschreibung des seekohls […]‘.

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2 Gedanken zu “crambe maritima / meer- oder strandkohl: vom strand in den garten

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