in gesellschaft durch die festonallee: schloss bothmer

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hannover & great britain im klützer winkel

das schloss in klütz, zwischen lübeck und wismar, wurde von johann friedrich künnecke im auftrag von hans caspar von bothmer zwischen 1726 und 1732 gebaut. bothmer war hofjunker von sophia dorothea von celle (verheiratet mit dem hannoverscher kurfürsten georg ludwig aka george I., ab 1714 de iure königin von grossbritannien und bekannt als „prinzessin von ahlden“) in hannover. in seiner londoner zeit, ab 1711, in der hanoverian chancery, hatte bothmer seinen dienstsitz in 10 downing street. die fertigstellung von schloss bothmer erlebte er nicht mehr. seine neffe erbte das anwesen.

nach niederländischen (het loo und huis de voorst) und englischen (buckingham house, der vorgängerbau des heutigen palace) vorbildern, entstand eine flügelanlage aus backstein mit corps de logis und seitenflügeln mit je drei kavaliershäusern. gelegen auf einer rechteckigen garteninsel (siehe die gräften/kanäle in herrenhausen und het loo). der englische einfluss lässt sich auch an einigen noch erhaltenen sash windows, der holländische nicht an delfts blauw, sondern an harlinger bibelfliesen und amsterdamer landschafts- und hirtenfliesen ablesen. nach dem 2.weltkrieg wurde das bis dahin im familienbesitz befindliche schloss enteignet. ab 1948 diente das gebäude als feierabendheim clara zetkin und zeitweise als berufschule. ab 1990 blühten die landschaften, ab 1994 stand das gebäude leer … 1998 wurde das schloss an einen privaten investor verkauft, kaufpreis € 1: schlosshotel, etc. … der garten war nicht mehr öffentlich zugänglich. eines von vielen nach-wende-projekten. seit 2008 gehört das schloss dem land mecklenburg-vorpommern und wurde, finanziert durch die deutsche stiftung denkmalschutz, renoviert. seit mai 2015 ist das schloss wieder zugänglich.

der garten

die ehemals barocke gartenanlage existiert heute nicht mehr. pflanzen für den ursprünglichen garten wurden zum teil 1731 aus der konkursmasse von gut sierhagen in benachbarten holstein, auf der anderen seite der lübecker bucht, erworben. die pflanzensammlung von johann georg von dernath bildete den grundstock: orangeriepflanzen, nelken, primeln, lorbeer, &c. pp. im 19. jh., dem geschmack der zeit entsprechend, wurde die anlage in einen landschaftspark umgewandelt. in den 1970igern nutzte man das fachwerkhaus „weisse leiche“ (1945/46, das schloss war lazarett, als leichenhalle genutzt) als café. eine freilichtbühne enstand am nördlichen ende des parks. rosen- und staudenbeete wurden von freiwilligen aus dem ort und dem im schloss befindlichen altenheim zusammen mit dem gärtner wolfgang kaletta neu angelegt.

im rahmen der sanierung des schlosses erfolgte die neugestaltung des parks, abgeschlossen 2012 (falls dies bei gärten/parks möglich ist …).

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l.: castanea sativa / edelkastanie mit blick auf die gartenseite des corps de logis; r.: mauer am ehemaligen orangerie bereich (noch baustelle).

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l.: die führung von volker jakobs, förderverein schloss bothmer e.v., ist im garten angelangt mit silene latifolia / weisse lichtnelke am kiesweg; r.: leucanthemum vulgare / magerwiesen-margerite nach der mahd des rasens / der wiesen im garten.

westlich des von gräften umschlossenen geländes mit schloss und garten liegt der küchengarten (vermutlich zwischen 1840 und1879 angelegt) mit einem karree aus apfelbäumen auf wiese. überwiegend (ca. 160 bäume) malus ’schone van boskoop‘ (1853 als zufallssämling von kornelis johannes wilhelm ottolander in boskoop entdeckt).

die festonallee

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quercus & tillia: eichentäfelung im festsaal des schlosses, corps de logis, obergeschoss, mit blick auf die festonallee.

höhepunkt der gesamtanlage bildet die 270m lange festonallee, ca. 1726-30 gepflanzt, die das vorwerk holzumfelde mit dem schloss verbindet. ein hohlweg führt über eine hügelkuppe (der scheitel des hügels befindet sich auf dem niveau des obergeschosses des corps de logis) und ist beidseitig mit linden bepflanzt. die bäume sind gespalten und bilden eine „natürliche“ girlande (feston).

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l.: gespaltene linde mit blick auf land(wirt)schaft; r.: linden-blätterrauschen …

ursprünglich bestand die allee gänzlich aus tilia x europaea / holländischen linden der sorte ‘koningslinde‘. die holländische ist eine natürliche hybride aus tilia cordata / winter- und tilia platyphyllos / sommer-linde. im laufe der zeit wurden verschiedenen sorten nachgepflanzt.

linden: “ in Spazier=Gängen und andern Lust=Orten wohl zugebrauchen“

§. 2. Die Linde nun / welche ihren teutschen Nahmen von der Weiche oder Lindigkeit und Glätte herführet / lateinisch Tilia genannt / ist ein schöner Baum / wächset so wohl wegen des Stammes / als der Aeste fein ordentlich / und lässet sich wegen der Starcken Wurzeln so sie führet nicht leicht von grösten Winden werffen / und ist in Spazier=Gängen und andern Lust=Orten wohl zugebrauchen / hat ein schönes Laub / und die Blüthe ist sonderlich angenehm. Sie wird wegen derselben und Ihrer Grösse halber gern bey die Kirchen / ja in Städten und Dörfern an offenen Orten und Plätzen gepflanzet / unter den Schatten Zusammenkünfte gehalten / Zechen angestellet / Spiele getrieben / woselbst auch wohl das Weibes=Volck zu nehen und spinnen pfleget / laut des bekandten verses

Filia sub Tilia discit subtilia fila.

Es werden auch auf die starcken Linden=Aeste Gänge / Boden / oder Saale gebauet / auf welche man Steigen / sich Lust halber daselbst aufhalten und divertiren kan.

hans carl von carlowitz, ‘sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche nachricht und naturmäßige anweisung zur wilden baum-zucht, […]‘, leipzig, 1713. carlowitz zitiert den lateinischen zugenbrecher „Die Tochter verknüpft unter der Linde feine Fäden“.

denkmalschutz: stecklinge & in-vitro

bereits ende der 1970iger jahre gab es bemühungen die anlage zu retten. nach einer begehung des instituts für denkmalpflege, arbeitsstelle schwerin, wurde der folgende aktenvermerk erstellt:

Aktenvermerk

über die Begehung des Parkes Bothmer, Klütz, Krs. Grevesmühlen

am 7.11.1979.

[…]

– Am Weg nach Holzumfelde regelmässiger Rückschnitt der girlandenartig gezogenen Linden etwas alle 2 Jahre. Vorbereitung geeigneter Zweige, um die ursprüngliche Verwachsung benachbarter Bäume wieder zu erreichen.

– Pflanzung von Linden in einigen Lücken, um die Technik der Anzucht der vorhandenen Lindenfestons für eine spätere Rekonstruktion.

[…]

zitiert nach: dorian rätzke, ’schloss bothmer – legenden und wahrheiten‘, boltenhagen, 2. aktualisierte auflage, 2014.

da die ursprünglich gepflanzte sorte heute nicht mehr gezüchtet wird und die bäume (65 aus dem 18. jh. sind erhalten) altersbedingt in absehbarer zeit erneuert werden müssen, wurden ab 2011 im in-vitro-labor des albrecht daniel thaer-instituts für agrar- und gartenbauwissenschaften, fachgebiet urbane ökophysiologie, der humboldt-universität, berlin, die bäume im reagenzglas nachgezogen. wichtig für den erhalt einer solchen anlage ist die verwendung einer sorte, um die gleichzeitigkeit von wuchsform, austrieb, blüte und laubabwurf zu garantieren.

es gibt die theorie, dass die bäume bereits in der barockzeit gespalten worden seien. es sollen jedoch in den 1930er Jahren eisenringe um die bäume gelegt worden sein, um das auseinanderbrechen der stämme unter ihren eigenen gewicht zu verhindern. wie beim barockgarten auf der schlossinsel, für den keine (ausgeführten) pläne überliefert sind (es existiert ein entwurf und einige spätere kartierungen der gegend mit eingezeichnetem garten), ist die geschichte der festonalle nicht gänzlich geklärt…

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postscriptum (die fahrt durch den klützer winkel ist noch zu ende…)

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l.: tilia x europaea ‘koningslinde‘ oder echte bothmer linde, ein zweijähriges exemplar der im labor nachgezogenen linden in der staudengärtnerei „klützer blumenkate“ von julia schmoldt (limitierte exemplare, aber wer hat schon platz für eine ganze allee…); r.: sortimentssichtung & shopping …

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l.: nach der mittagspause im landhaus sophienhof, café und hotel (ehem. haus eines der privatsekretäre der bothmers), ein kurzer vortrag von amiyo ruhnke über den schaugarten mit historischen pflanzen; r.: phlomis russeliana (samia hort.) / brandkraut.

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