dustere wälder, ober- und unterholz / ‘sylvicultura oeconomica‘ von hans carl von carlowitz

Das Erste Capitel /

Von denen vorigen grossen / auch noch ietzo befindlichen Wäldern in Teutschland

[…]

§. 1. Wie duster das alte Teutschland vor zeiten wegen der ungeheuren grossen Wälder muß ausgesehen haben / kan man aus dem Corn. Tacito im 5ten Capitel seines Buchs / so er sonderlich von Teutschland geschrieben / abnehmen. Terra, saget er / in universum sylvis horrida aut paludibus focda: Das Land ist überall fürchterlich / entweder wegen der Wälder / oder sumpfig / wegen der Moräste. Ja es scheinet / daß durch ganz Teutschland und an deren Gräntzen ein meist in= und an=einander hangender continuirlicher Wald gewesen / so von denen Römern Sylva Hercynia, von denen Teutschen aber / der Harz= oder Schwartz=Wald genennet worden / entweder wegen des vielen Hartzes / oder / daß er / wegen der vielen dicken und hohen Bäume / gantz schwartz und duster von aussen und in Durchreisen / anzusehen gewesen / weil die Sonne ihre Strahlen und Licht nicht durchwerffen können. […]

[…]

§. 3. Von denen Ursachen aber warum unsere Vorfahren so grosses Belieben an dergleichen ungeheuren Wäldern getragen / davon soll zum Theil in folgenden Capitel §. 14. Meldung geschehen / Eine derer voenehmsten war / daß die ganze Nation mehr dem Krieg als Acker=Bau ergeben / und also sich wegen besorgenden Uberfalls derer benachbarten / mit denen sie immer in den Haaren lagen / hierdurch in gute Verfassung stelleten. Denn wenn alles verloren gieng / retirirten sie sich in diese Wälder und Moräste / allwo es unmöglich war / ihnen beyzukommen / ja sie wusten hier bey ihren Feind dergestalt zu fatigiren / daß er mit grossen Niederlagen wieder herabziehen muste. Davon in der Römischen und andern Historien viel Krempel vorhanden / wewegen Aventini Anales Bojorum (johannes aventinus, ‚annales ducum boiariae‘, 1554) nachzulesen. Hierüber hatte man an denen Haupt=gräntzen etzlicher Wälder weite und tiefte Gräben aufgeworffen / und auf denen Dämmen / dicke und starcke Häger oder Büsche gezeuget / so man biß dato Land=Wehren nennet / dergleichen annoch gegen das Eißfeld und in Thüringen vorhanden / so etzliche Meilwegs lang ist / der Knickicht [→ beschneidung: in der landschaft und im garten] genannt. Denn das Holz / so darauf stehet / ist von Alters / und damahliger Gewohnheit her / weil es noch jung / von oben herein geknickt worden / damit es nicht in die Höhe / sondern dichte in einander wachse / dahero es auch so dicke und dichte durch einander sich geflochten / und verwimmert / daß fast weder Mensch noch Vieh ohne Gewalt / durch diese uhralte Land=Wehren haben kommen können.

[…]

§. 5. Sintemahl der vormals so grosse und ungeheure Hertzynische Wald an denen meisten Orten ganz ausgerottet / und nur an wenig Gegenden / wo nehmlich hohe steinigte und kalte Gebürge befindlich / etliche Reliquiæ geblieben / unter welchen die berühmteste die Saltzburger= und Tyroler=Wälder; der Schwartz=wald zwischen dem Ursprung der Donau / dem Rhein und Boden=See: dabey sonderlich zuzehlen / Sylva Martiana [Schwarzwald] bey Freyburg; der Anspacher / oder vielmehr Nürnberger=Wald / zwischen Nürnberg und dem Ursprung des Tauber=Flusses; der Steiger=Wald / innerhalb Würtzburg und Bamberg; der Oden=Wald / Sylva Ottonis, zwischen dem Necker und dem Mayn / oder zwischen Heidelberg und Franckfurth; der SpeßArt / binnen dem Mayn und der Kützing; der Wester=Wald innerhalb der Loha und Siegen; der Hartz=Wald / in Braunschweiger Land / bey welchem der Bructerus, oder Brockelsberg ist; der Thüringer=Wald; Gaberta, der Fichtelberg im Voigtlande an Böhmen; der Böhm= und Meißnische Ober=Gebürgische Wald [erzgebirge] und das Riesen=Gebürge in Schlesien / und so fort biß an die ungarischen / Siebenbürgischen / Kärndtnischen und Steyermärckischen Gräntzen.

[…]

Das Andere [zweite] Capitel/

Von sonderbarer Hochachtung der Wäler und Bäume

[…]

§. 14. Unsere Vorfahren die uhralten Teutschen / welche es ihrer angebohrnen / und sehr hochgeschätzten Freyheit verkleinerlich hielten / in verschlossenen Städten und Plätzen zu wohnen / erkiesten mehrentheils zu ihren Aufenthalt solche Oerter / welche wegen ihrer schönen und schattenreichen Bäume / klaren Brunnen und Quellen / oder fetten Weide und Wiesewachs / sich vor andern annehmlich machten / massen solches Tacitus bezeuget mit diesen Worten: Nullas Germanorum Populis urbes habitari fatis notum est, ne pati quidem inter se iunctas fedes. Colunt discreti & diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit de Mor. Germ. [‚de origine et situ germanorum liber‘] c. XVIII: oder: Es ist bekannt / daß die Teutschen sich nicht in Städten aufhalten / ja sie leiden nicht einmahl / daß man neben und an einander Wohnungen habe. Ein iedweder ist sich a part, nachdem ihn seine Beliebung träget / sich an einen Brunn / an einen flachen Felde oder Walde nieder zu lassen. Ihre meiste Ubung und Nahrung / wenn sie nicht mit Kriegen beschäfftiget waren / suchten sie in den Wäldern mit Jagen / Hetzen und Vogelfang / mit Sammlung Eicheln / Buchäckern zur Mästung des Viehes / und was dergleichen mehr; und ist kein zweifel / dap nebenst dem / wie oben gedacht / die Wälder vor eteas Göttliches von ihnen gehalten worden / und die dicken und finstern Oerter / da man seinen Gedancken hat recht Audienz geben / und von allerhand speculiren können / ihnen sonderlich gefallen. Es hat sie auch vor andern vergnüget / der Schall und Wiederhall der Menschlichen Stimme / allerhand Jagd=Hörner / und derer Hunde Anschlagen / so man in Wäldern / Thälern und Gründen offt unvermuthet antrifft; der schöne Vogel=Gesang / so auch eine Göttliche Music zu seyn scheinet; die Einsamkeit / da man von allen Menschen entfernet; der Schatten wider die Sonnenhitze; der Aufenthalt wider starcke Regen / Schlossen und Gewitter; die sausende Winde / und das angenehme Geräusche der Quellen und Bäche.

[…]

Das Vierzehnte Capitel,

Von Ober= und Unter= oder so genanten Schlag= und lebendigen Holtze.

[…]

§. I. Wenn ein Acker Holtz=Landes / zu Ober= und Unter=Holz zugleich gezogen werden soll / und mit 7. 8. 900. bis 1000. meht oder weniger Stämmmgen / so von Saamen angeflogen / oder sonst gnüglich bestocket / und bepflanzet ist / so läßet man solche 8. bis 10. Jahr wachsen und die besten Stämmlein / die Künfftig zu Ober=Holz / d.i. Zu großen Haupt=Stämmen zu ziehen / stehen / die andern aber hauet man aber / daß sie Stöcke bekommen und diese an 4. 6. 10. und mehr Sommer=Latten zu Unter=Holze / welches sonsten auch Schlag= oder Lebendiges Holtz genennet wird / wieder ausschlagen mögen / und soll ein abgeholtztes Stämmlein oder Stock nach advenant, 2. 3. biß 4. Schuh von einander stehen. Ist besser nun die Art von Holtze ist / je mehr kan man künfftig daraus nehmen und solche zu Weinpfählen / Latten / Hopff= und Zaunstangen oder Stecken gebrauchen / da denn mehr zu lösen / als wenn es nur zu blossen Feuer= und Kohlen Holtz oder Reißig zu sammen gehauen wird.

§. 2. Es wird aber das Ober= und Unter=Holtz bloß von dem Laub=Holtz verstanden. Denn obwohl unter solchen Holtze bißweilen eine Tanne / Fichte oder Kiefer / entweder von sich selber / oder von eingesprengten oder zugetragenen Saamen mit aufwächset / so wird doch hier mehr auf jenes als dieses gesehen. Das Ober=Holtz bestehet in allerhand Bau= Bret= Böttiger und anderen Zimmer=Holtz / auch in Mast= und Obst=Bäumen / als in Eichen / Buchen / Castanien / wilden Apfel= Birn und Kirsch=Bäumen / Ahorn / Aschen [Eschen] / Ilmen / Bircken / Aspen [espe oder zitterpappel] &c. in Summa in lauter guten Laub=Holtz / die zu Haupt=Stämmen / bis 40. 50. 80. 100. und mehr Jahren gezogen werden. Nun mag es nach eines jeden Ortes Gelenheit und Zustand reguliret werden / welche Arten der Boden am besten träget und treibet / ingleichen welche von ein und anderen Sorten am nutzbaresten / oder am meisten von nöthen seyn / oder mit bessern Nutzen / ins Geld zu setzen. Dann 1. Schock Stangen von Aschen / Ilmen / Eichen / so aus den Unter=Holtz gehauen werden / gelten Mehr als 1. Schock von Aspen und Weiden. Auch ist die Eiche wohl eines von dem besten Ober=Holtz / so wohl zum Bauen als zur Mast; wo man aber dieses bey des nicht sonderlich / bevorab wegen des Wasser= Schiff= und Wein=Baues zu consideriren hat / so ist vorträglicher / ander Ober=Holtz / als Ahorn / Buchen / Castanien / Aschen / Ilmen / Bircken / Aspen / &c. Stehen zu lassen / denn sie wachsen viel schneller und geschwinder / und in einem Jahr mehr / als die Eichen in 2. oder 3. Jahren daher; nehmen mit den Aesten nicht so viel Raum ein / und deswegen sie weder das Unter=Holtz und Gräserey / noch sich selbsten / sondern können näher und dichter beysammen stehen als Eichen.

[…]

§. 8. Unter=Holtz oder Schlag=Holtz / so / auch wie gedacht lebendig Holtz genennet wird / ist fast das nutzbarste von allen / aber es kan darzu allein dasjenige gebraucht werden / so Laub träget. Denn das Tangel=Holtz schläget nicht wieder aus / sondern, wenn es einmahl weggeschlagen / so verfaulet der Stock und Wurzel; aber wenn das Holtz so Laub träget / abgeholtzet / pfleget es am Stock / auch theils an der Wurzel / so von Stock 1. 2. und mehr Ellen abgelegen / hin und wieder auszuschlagen. Wir wollen derowegenhiervon ein und anders etwas ausführlicher / jedoch nur kürtzlich vorstellig machen. Wenn der Ort / wo man dergleichen Holtz haben will / gar wüste / so säet man in die bereitete Furchen oder Gräber den Baum=Saamen / da denn die dienlichsten seyn / die Eiche / die Asche / Riestern […] / Ilme / Ahorn / wild Obst / die Bircke / Erle und der Castanien=Baum / wo dieser die Art hat [→ keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, lat.: castanea sativa)]; in gleichen die Hasel=Nuß / und wo nasser Boden vorhanden / die Aspe / Erle / Pappel und Weide [→ salix im allgemeinen & “der Nutzen von denen Weiden…“] / denn diese letztern wachsen schnelle an wässerigten Orten daher / ja in 9. oder 10. Jahren mehr, als andere in 12. oder 15. Jahren / schlagen auch wieder an Stöcken aus / wenn sie abgetrieben werden / so allemahl in Zeit von 8. 10. 12. bis 16. Jahren geschehen kan / nach Art des Bodens ob Er viel oder wenig treibet. On nun etwas von Ober=Holtz daben Stehen Bleiben soll / beruhet in eines jeden Gefallen / und in der in solcher Gegend erheischenden Nothdurfft. Wo aber kein Ober=Holtz vorhanden / oder man solches nicht zeugen will / so nennet mans Schlag= oder lebendig Holtz / weil es continué fortwächset / dann es brauchet weiter keines Säens noch Pflantzens / hat besser Fortkommen / giebt gute Gräserey / kan auch / nachdem die Gehaue 3. 4. 5. 6. biß 8. Jahr geschonet / alsdenn zur Vieh=Weide gebraucht werden. Da aber bey dergleichen Gegenden leere Plätze befindlich oder aber das Holtz daselbst gar dünne und einzeln stehet / da soll man die leeren Plätze aufgraben mit allerley Saamen bestreuen und denselben einegen / damit solche völlig und dichte wieder bewachsen mögen. Sonsten giebt die Weiß=Buche / die Ilme / Ahorn und Pappel=Weide gut lebendig Holtz / schläget / wenn es Abgetrieben / gleich wieder aus / und diese lieben mäßigen; die Erle Aspe und Weide hingegen einen nassen; die Eiche und Castanie einen fetten; die Asche / Hasel=Stauden / Bircke / und Buche aber / einen trockenen Boden. Mag also derselbe beschaffen seyn wie er wolle / gering oder gut / trocken oder naß / so kan man dergleichen Schlag=Holtz auf jeden säen und pflantzen / wie man solches gut und nützlich befindet. Unter den Schlag=holtz ist die Hasel=Staude und Bircke das gemeinste / jedoch ist rathsamer / daß man an statt dessen besser Holtz in Gehauen anbringe und aufziehe / welches so wohl vermittelst des Saamens / als auch durch die Pflantzung geschehen kann.

[…]

§. 17. Bey Abtreibung des Schlag=Holtzes aber kan woh in acht genommen werden / daß der Hieb oder Schnitt sein glatt und schräge sey / damit der Regen / Kälte und Schnee nicht eindrigen und Faulnüß verursachen könne. Theils hauen es gar kurtz an den der Erden weg / theils lassen auch einen Stock von einem viertel oder mehr Raum / bleiben / daß die Sommerlatten und Sprossen häuffiger wieder ausschlagen. In denen Gehauen hat man nöthig / ehe etwas zum Kohlen=Brennen oder zu Feuer=Holtz angewisen wird / daß man dasjenige Holtz / so zu Hopfen=Stangen / Reifen / Latten &c. Zugebrauchen / zuvor aushauen lasse / denn solches theuer und nützlicher an den Mann zu bringen / als das Brenn=Holtz.

hans carl von carlowitz, ‘sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche nachricht und naturmäßige anweisung zur wilden baum-zucht, […]’, leipzig, 1713.

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