beschneidung: in der landschaft und im garten

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fig. 37 scie à main / handsäge, fig. 38 serpe / hippe, fig. 39 serpette / hippe oder gartenmesser. ill. (ausschnitt) aus ‚encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers‘, hrsg. von denis diderot und jean baptiste le rond d’alembert , paris, 1751 ff.

zeigt man dem durchschnittlichen gartenbesitzer die instrumente, kommen schnell die emotionen hoch: bäume und gehölze beschneiden? das ist doch natur! formschnitt, ars topiaria, ist verpönt (ausnahme: billige buchsbaumkugeln aus dem baumarkt). kopfweiden → salix im allgemeinen & “der Nutzen von denen Weiden …“ müssen heute schon unter naturschutz stehen, damit sie in form bleiben. bei obstbäumen und beerensträuchern bitte nur maniküre… runtergeschnitten werden nur einjährige und stauden sofort nach der blüte (ordnung muss sein!). bei den röschen fliesst schon mal ein tränchen. die vorhandenen gehölze im garten dürfen wachsen, bis aus dem einst sonnigen garten ein schattengarten geworden ist. kompensation bringt der neue laubbläser …

landschaft: wallhecken & knicks

beschnitte bäume und anderes gehölz finden sich in der klassischen agar-landschaft. wallhecken im münsterland und knicks in schleswig-holstein sind landschaftsbildend, bzw. waren es. durch die industrialisierung der landwirtschaft sind viele der hecken verschwunden. was übrig blieb, sind riesige felder, die ohne den windschutz der hecken zu abtrag und verlust der ackerkrume führen, bodenerosion. vom verlust der artenvielfalt in flora und fauna erst gar nicht zu sprechen…

im 19. jh. waren wallhecken im münsterland, teils aus mittelalterlichen  landwehren entstanden, noch der bestimmende teil der parklandschaft → von münster durch die münsterländer parklandschaft …

Die obere Fläche der Erdwälle ist mit hohem, dichten Gesträuche bedeckt. Vorherrschend ist Eichen- und Nußholz, bisweilen mit einander vermischt, wo dann das runde, hellgrüne Nußlaub angenehm von dem zackigen, dunklen Eichenlaube absticht; noch öfter in reinen Beständen. Doch auch allerlei anderes Gesträuch siedelte sich auf Wällen an. So stieg die weißstämmige Birke hinauf, ihre schwanken Zweige mit den duftenden Blättchen dem Winde zum Spiel darbietend; der Schlehdorn verflocht sich mit wilden Rosen und Geisblattranken zu malerischem Gewirre; die Eberesche leuchtet im Herbst mit den Büscheln ihrer rothen Beeren, und auch die dunkelblätterige Erle versuchte bisweilen hier Stand zu fassen. […]

Alle fünf bis sechs Jahre wird das Buschwerk abgehauen. Die Wurzeln und ein Theil des Stammes bleiben stehen, und indem beide immer neue Sprossen treiben und diese im Lauf der Jahre immer von neuem abgeholzt werden, bildeten sich, namentlich bei Eichen, allmählich allerlei wunderbar gestaltete Knorren und Stubben, die besonders zur Winterzeit, wenn das Zweigwerk des Laubes entkleidet ist und ein grauer Nebel durch die kahlen Reiser gleitet, eine phantastischen Anblick gewähren. […]

Die mit Nußstauden bewachsenen Wallhecken sind bei den Kindern der ‚Bauerschaft‘ besonders beliebt. Die kleinen Teutonen mit ihren Flachköpfen und blauen Augensternen freuen sich, wenn die braungelben Ruthen sich im März recht voll mit den schwefelgelben ‚Kätzchen‘ hängen; sie jubeln laut, wenn sich im Herbst mit langem Hakenstock die Reiser herabbiegen und die weiten Taschen oder die umgehängten Beutel mit den goldigbraunen (‚Löchten‘) Nüssen füllen, wobei sie nicht selten das hurtige Eichhörnchen oder den krächzenden Häher aufscheuchen, denn beiden ist die nahrungsbietende Wallhecke ein Lieblingsaufenthalt. […]

Dem sinnigen Wanderer aber bietet, namentlich zur Sommerzeit, der zwischen Wallhecken sich hinziehende Weg einen angenehmen, traulichen Spaziergang.

theodor berthold, ‚westfälische wallhecken‘ in ders. ‚lose blätter aus dem münsterlande und von der nordsee‘, münster, 1892 (11. ausgabe, erstausgabe 1885).

bereits im 18 jh. war das wissen um die anlage und pflege von wallhecken und knicks nicht so sehr verbreitet. 1790 erschien in münster das buch ‚anweisung zur verbesserung des ackerbaues und der landwirthschaft [des] münsterlandes‘ von anton bruchausen, das durch den damaligen fürstbischof, maximilian franz von österreich, in schulen verteilt wurde, um das wissen über die landwirtschaft, incl. einem kapitel über wallhecken, zu verbreiten.

in den zu dänemark gehörenden herzogtümern schleswig und holstein wurden die knicks im 18. jh. als ‚lebende zäune‘ angelegt. ein folge der sogenannten verkoppelung (cf. ‚holtz- und jagdverordnung‘ von christian VI., 1737), einer vorform der heutigen flurbereinigung, der wiederum viele wallhecken und knicks im 20. jh. zum opfer fielen. 1767 veröffentlichte nicolaus oest, pastor in neukirchen (angeln) und mitglied der von philipp ernst lüders gegründeten königlich dänischen ackerakademie, das buch ‚oeconomisch-practische anweisung zur einfriedung der ländereien: nebst einem anhang von der art und weise, wie die feldsteine können gesprenget und gespalten werden, auch nöthigen kupfern ‚. bis heute die beste lektüre für jeden, der sich mit knicks beschäftigt! ein buch für praktiker:

Beschneiden: wird er fragen; Wir behauen sie ja mit einem Beil. Es ist wahr, ich habe es auch oft gesehen, wie man mit der linken Hand den Stamm krumm genug niederwärts bieget und alsdenn mit der rechten Hand den Hieb, ja wohl 3 bis 4 Hiebe also niederwärts führet, daß das Stämmchen übel zersplittert und manchmahl bis auf die Wurzel gespalten wird. Gewiß, ein Glück, wo eine solche Pflanze nicht halb verdorret. Ich habe aber auch andere gesehen, die ihre Pflanzen nicht so übel zurichten, noch Schuld an ihrem Untergange seyn wolten. Diese schnitten die Zweige mit einer Hippe, oder starkem Messer, und den Stamm mit einer Stechsäge ab, und mich dünkt, sie wurden doch mit diesen Handgriffen eben so frühe fertig, als jene. Ein Gärtner wird dieses Verfahren unfehlbar gut heissen, aber auch fordern, daß man den Stamm mit der linken Hand wohl feste halte, während die rechte solche Beschneidung verrichtet.

[…]

Das Kappen oder Abhauen der Paatwerke [in schleswig gebräuchlich, aus dem niederländ.: paten für pflanzen] gehöret mit zu ihrer Wartung. Denn wenn selbiges zu lange ausgesetzet wird, und das Buschwerk im Obern sich zu stark ausbreitet und baummäßig wird, so verdrängt und tötet die stärkere Pflanze die schwächere. […] Wie viele Jahre der Zaun wachsen solle, bevor er gekappet werden muß, lässet sich so genau nicht bestimmen. Ist der Boden und die Wartung gut, so wächset er geschwinder, als wenn dieses nicht ist.

nicolaus oest, ‘oeconomisch-practische anweisung zur einfriedigung der ländereien […]’, flensburg, 1767.

heute sind viele knicks verschwunden, der rest häufig in einem schlechten zustand. in schleswig-holstein gibt es jährlich im frühjahr eine massenwanderung um blühende rapsfelder anzusehen. der knick jedoch bietet zu jeder jahreszeit ein gutes motiv, besonders im herbst die nüsse und beeren.

garten: eine nuttery im „eigenen garten“

englische gärten haben häufig eine nuttery, einen nussgarten, in dem die haselsträucher, corylus avellana oder hybriden, regelmässig auf stock gesetzt, zurückgeschnitten, werden. auf dem kontinent selten zu finden. eine der schönsten befindet sich in sissinghurst.

ein beispiel in deutschland, wie man mit coppicing (engl. von coppice: nieder- oder buschwald), d. h. mit stockausschlägen, sogar öffentliche grünanlagen gestalten kann, ist das projekt von jonas reif mit studenten der tu dresden, lehr- und forschungsgebiet pflanzenverwendung, im alaunpark in dresden, äußere neustadt.

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the rear window, das fenster zum garten: bei unseren nachbarn im garten ist ein beispiel dafür zu sehen was passiert, wenn der rückschnitt nicht regelmässig gemacht wird: aus einem strauch ist ein mehrstämmiger baum geworden (viel zu nahe an den gebäuden) … der „nussbaum“ und die gebäude verschatten (lichter schatten mit etwas morgensonne) einen teil eines beetes, das durch die rodung einer hecke entstanden ist. platz für ein paar corylus avellana / gemeine hasel. der name avellana verweist auf die stadt avella in der campania, italien, und stammt von carl von linné, der sich wiederum auf ‚avellana nux sylvestris‘, wilde nuss von avella, bezieht. so wird sie in dem buch ‚de historia stirpium commentarii Insignes‘ (basel, 1542) von leonhart fuchs (nach dem die fuchsia / fuchsien benannt sind) beschrieben.

§. 1. […] die Hasel=Staude / so mit dem lateinischen Nahmen Avellana, f. patrio nomine Abellina, wohlbekandt / welche so wohl in den Gärten / als auch sonsten wilde wachsen. Der Boden ist ihr fast alles Orten anständig / jedoch der trockene und steinige mehr / denn der nasse; sie treibet in Frühling lange Zäpfflein / die erst grün / hernach gelb / und letzlich / wenn sie diese Farbe erlanget / abfallen. Wozu aber die Natur solche Zäppflein hervor gestossen / hat kein Physicus geschrieben / denn ob man gleich auf die Gedancken kommen / und solche vor die Blühte halten wolte / so zeigen doch die zinnober=rothe Fäserlein / daß diese die rechten Blüthen seyn / und nicht die Hasel=Zäpffgen. Es giebt die Hasel=Staude gut Schlag=Holz und kan alle 8. biß 10. Jahre einmahl abgetrieben und gehauen werden / sonsten wenn es länger stehet / wird es zum Theil dünner und zeiget also von sich selbsten an / daß Zeit zu gebrauchen / und ihr keine Frist zu fernern wachsen gegeben werden soll. Sie dienet auch zu guten Brenn=Holz / Reiff=Stecken, Körben, und dergleichen mehr / giebt auch ihre Früchte fast alle Jahre. […] Absonderlich ist es ein verborgen Werck und Heimligkeit der Natur / daß die Hasel=Staude zur Wüntschel=Ruthe am besten dienet.

[…]

§. 3. Die Haselstauden werden von Saamen erzeuget / gleich wie die Eicheln / und darff man nur die Kerne oder Nüsse in Mooß oder Laub über Winters in Keller halten / hernach stecken oder säen. Es kan auch dieselbe gleich einer Reben eingesencket werden / nehmlich: man machet nahe an derselben eine Grube / sencket hiervon eine schwancke Ruthe oder Ast / scharret die Grube zu daß nur der Gipfel ein wenig herfür rage / und trit das andere fest ein / hernach wenn es eingewurtzelt / wird es von dem Mutterstam abgelöset und kan also gar leichtdichte und dicke in einander stehendes Unter=Holtz gezeuget werden / […], ja sie schläget auch unten am Stamm und Stock / auch auf der Wurzel aus / daß sie sich also in weniger Zeit vermehret / und treibet immer neue Schößlinge und Ruthen / darbey aber ist es rathsam / daß man von derjenigen Art / so gute und grosse Früchte giebet / pflantze, denn es giebt einerley Mühe. Denn man kan sie auch bessern, wenn sie in gut Erdreich versetzet werden. Im übrigen ist zu mercken / daß wenn die Hasel=Staude hoch / dicke und alt wird / so nimmt sie nicht allein an Holz ab / sondern bringet auch schlechte Früchte / daherober beste Rath und Weg / solche alte Stämme abzuhauen / damit der Stock wieder neue Schößlinge herfür bringe / und künftig wieder zu nutzen sey / auch solchergestalt der alte Stock sich wieder verjüngere.

hans carl von carlowitz, ‘sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche nachricht und naturmäßige anweisung zur wilden baum-zucht, […]‘, leipzig, 1713.

unterpflanzt mit blumenzwiebeln für das frühjahr und schattenverträglichen stauden… die stockausschläge der hasel eignen sich, in verbindung mit ruten von der weide, perfekt, um pflanzstützen zu basteln & wenn ein paar nüsse (im handel ist zu meist die corylus maxima / lambertshasel) abfallen – um so besser.

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ill. aus carolus clusius, ‚rariorum plantarum historia‘, antwerpen, 1601.

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10 Gedanken zu “beschneidung: in der landschaft und im garten

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