blackbox-gardening: mit luhmann im garten?

vortrag von jonas reif bei der gesellschaft zur förderung der gartenkultur e.v., zweig hamburg: blackbox-gardening. das gleichnamige buch von reif, verantwortlicher redakteur der zeitschrift ‚gartenpraxis‘, und christian kreß, inhaber der gärtnerei sarastro-stauden in ort im innkreis, oberösterreich, erschien im letzten jahr bei ulmer. die meisten fotos stammen von jürgen becker. die marketing-abteilung des verlages ging bei erscheinen in die vollen: „Das erste Buch zum völlig neuen Gartenthema.“

blackbox

zum thema blackbox empfehle ich ‚cybernetics: or the control and communication in the animal and the machine‘ von norbert wiener (cambridge, mass, 1948) und ’soziale systeme. grundriß einer allgemeinen theorie‘ von niklas luhmann (frankfurt/m., 1984).

gardening

lassen wir das schlagwort aus dem kybernetischen und systemtheoretischen diskurs einmal bei seite, konzentrieren uns auf gardening (cf. → gartenarbeit vs gardening / kulturelle unterschiede…) und bleiben beim untertitel: „Mit versamenden Pflanzen Gärten gestalten“. also wachsen lassen und das rausreissen (eine lieblingsbeschäftigung!), was stört…

Gardens that give space to self-sowers have a comfortable, personal feel. These plants fill a gap and are wonderful accessories in our overall aim of keeping the show going.

Many people are frightened of self-sowers, thinking that, if allowed, they will lose control and that their garden will look a mess. So they apply thick mulches to prevent this. What they are missing!

[…]

You need to think of self-sowers as allies that need to be controlled. You‘ ll probably be weeding out 95 per cent of them. That’s all right. Those that remain will do their job all the better for not having too much competition.

christopher lloyd, succession planting: self-sowers‘ in the guardian, 27/03/2004, reprinted in ‘cuttings – a year in the garden with christopher lloyd’, london, 2007.

nicht ganz so neu… in anbetracht der aktuellen diskussionen über wilde gärten (pflichtlektüre: william robinson, ‚the wild garden‘, london, 1870), dutch wave, prairie gardens oder welches schlagwort gerade benutzt wird, ist es nicht verwunderlich das ein buch nur über selbstversamende pflanzen erscheint. um nicht zu sagen überfällig.

wie könnte so ein garten aussehen? die beispiele im buch sind klassiker. die long border von great dixter darf natürlich nie fehlen … & der komposthaufen mit u.a. dipsacus fullonum / wilde karde. waltham place in berkshire von henk gerritsens (sein buch ‚buiten is het groen‘ ist endlich!!! in deutscher übersetzung bei ulmer erschienen: als ‚gartenmanifest‘, da hatte wohl das marketing wieder mitspracherecht…). der garten von derek jarman, prospect cottage, auf der landzunge dungeness in kent (‚derek jarman’s garden‘, fotos von howard sooley, london,1995, sollte in keiner garten-bibliothek fehlen). niederländische gärten sind mit einer kurzen vorstellung des malers ton ter linden vertreten (im herbst letzten jahres haben ter linden und seines lebensgefährte gert tabak beschlossen in de veenhoop, friesland, mit dem gärtnern aufzuhören…). eine entdeckung ist der garten ‚het vlackeland‘ von madelien van hasselt in nieuw en st. joosland auf der halbinsel walcheren, zeeland. sollte noch jemand der meinung sein eine starke geometrische (vorsicht rechte winkel!) struktur und eine die natur imitierende bepflanzung schlössen sich aus: hier ist der beweiss des gegenteils. wie bei der auswahl der pflanzen, ist alles eine frage des kontrastes.

wer allerdings denkt, dass die versamenden pflanzen alles selber machen und man auf der gartenbank sitzen kann, irrt. auch wenn der titel der französischen ausgabe ‚Laissez faire!‘ etwas anderes suggeriert. pflegeleicht ist so ein garten nicht. keine natur oder eine sich von selber besiedelnde brachfläche. das „natürliche“ aussehen eines gartens erfordert mehr arbeit als z.b. ein flies auslegen, es mit kies zuzuschütten und einen buddha aus dem baumarkt aufzustellen. es liegt nicht nur am entfernen der pflanzen, die ihren job allzu gut machen und alles andere überwuchern. damit es soweit, bzw. gerade nicht soweit, kommt, ist eine eingehende beschäftigung mit den ansprüchen der pflanzen, angefangen von der entscheidung ob direktaussaat oder initialpflanzung, bis zu fragen der bodenbeschaffenheit notwendig. die autoren schlagen hier u.a. das austauschen der erde oder das ausmagern des bodens vor. dies führt dann wirklich zu gartenArbeit…

im „eigenen garten“

da bleibe ich doch bei der variante ab-in-den-kübel. den kann man im garten herumschieben und sehen ob die pflanze sich versamt bzw. ob sie überhaupt passt… ansonsten gilt: was nicht wächst, hat hier nichts zu suchen. sonderbehandlung nur in ausnahmefällen!

von „garten“ ist zwar noch nicht viel zu sehen. neben gehölzen, stauden und versamenden pflanzen ist es eher das, was gertrude jekyll als → collection bezeichnet.

der grosse erfolg bei der selbstaussaat im letzten jahr waren die ersten versamten → fritillaria meleagris: “checkered most strangely”. silybum marianum / mariendistel weigert sich wahrscheinlich auch in diesem jahr standhaft, es selber zu tun, also wird wieder nachgeholfen → rückkehr in den garten. die digitalis / fingerhüte und die alcea rosea / stockrosen machen ihre arbeit.

die hoffnungen ruhen auf:

blackbox_garten_500

o.l.: dipsacus fullonum / wilde karde; o.r.: morina longifolia / langblättrige kardendistel; u.l.: linum usitatissimum / gemeiner lein, saat-lein oder flachs; u.r.: ammi majus ‘snowflake’ / grosse knorpelmöhre aus der saatmischung raad het zaad’ von onze eigen tuin (samen von cruydt-hoeck… ’natuur & tuinkunst: een drieluik‘ von rob leopold, groningen, 1994, fehlt immer noch in der bibliothek….)

neuzugänge MMXV: lunaria annua / einjähriges silberblatt, → die monde werden aufgehen, die silbrigen schoten prangen…, wird auf der fensterbank vorgezogen. nigella damascena / jungfer im grünen kommt ab märz direkt ins beet. es fehlen noch daucus carota / queen anne’s lace & da ellen willmott wohl kaum selber als geist im garten erscheinen wird samen: eryngium giganteum / elfenbeindistel a.k.a. miss willmott’s ghost…

reif_blackbox_500

die bücher im regal müssen wieder ein stück zusammenrücken…  (→ & ‘meine vision wird garten’ im gartensaal…)

im garten ist es zu kalt für die aussaat und zum keimen & die fensterbank bleibt noch frei: auf der suche nach ’soziale systeme‘ im buchregal… muss irgendwie in die zweite reihe gewandert sein…

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2 Gedanken zu “blackbox-gardening: mit luhmann im garten?

  1. Schöne Blog-Post, Detlev! Als ich das Buch las, das mir überwiegend gefällt, war mein erster Gedanke, dass es ein alter Hut ist. Think ‚Cottage Garden‘ – dort macht man nix anderes. Dem kompletten Austausch der Erde stehe ich skeptisch gegenüber. An einer Stelle wird, wie ich mich erinnere, der Einsatz von Torf empfohlen…aber es steht viel interessantes drin, und manche Gärten sind inspirierend. Wer meint, irgendeine Art von Gärtnern beinhalte das Herumfläzen und Nichtstun, während irgendwelche Zwerglein die Arbeit tun, ist (nicht lange) auf dem Holzweg. 😉 Heute habe ich dicke Bohnen gesät und meinen Blümchen gut zugesprochen…bin gespannt, was der Garten heuer auf Lager hat. Schönes Wochenende!

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    • moin, danke! ich sage nur „bauerngarten“ 😉 das buch ist gut & der vortrag von jonas reif ebenfalls. gut alles mal zum thema mit einen handgriff zu haben.
      was die gartenArbeit betr. immer an foerster denken: „Die Natur hat lieber jemanden, der sich mit einem fruchtbaren Garteneinfall von der Hängematte erhebt, als jemanden, der den ganzen Tag ohne Einfall im Garten umherrast.“
      & schon sind wir im bauerngarten: g r a u t e b a u h n e n (vicia faba auf münsterländisch)??? jetzt hab ich hunger…
      lg detlev

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