brockes‘ garten: literarisches vergnügen und irdische realität

Dem Ratsherren und Dichter Barthold Heinrich Brockes verdanken wir ein ausführliches Verzeichnis der zahlreichen Bäume, Sträucher, Stauden und Blumen, die in seinem Garten am Besenbinderhof vorhanden waren. Es fehlen von dem, was wir heute schätzen, einige Steingartenpflanzen und auch die Georgine [dahlie], die Fuchsie und die Hortensie, die erst später eingeführt wurden. Im übrigen aber ist der Reichtum erstaunlich. Und indem er in der Aussicht von seiner Gartenterrasse schwelgt, erfahren wir, was alles zu sehen ist: Blumenbeete und Rasenstücke, Galerien, Statuen, Grotten, Liguster- und Taxushecken, Teiche, Alleen, Pyramiden, Bogengänge, Fontänen, Steige, berankte Planken, Gartenhäuser, Lauben, Rebhänge, Treibhäuser mit Lorbeer, Feigen, Granaten, Pomeranzen und Ananas, Apfelsinen und Zitronen, auch an Obstbaumsorten, was man nur wünschen konnte und „kaum zu zählen“.

hans leip, ‚die unaufhörlich gartenlust‘, hamburg, 1953.

covens_mortier_1730_detail_500

detail aus johannes covens & cornelius mortier, ‚hamburg eine weltberühmte freye reichs und hansee- auch reiche und volkreiche handels stadtt an der elb, nicht weit von der nord see / hambourg, fameuse ville imperiale, anseatique et marchande tres riche et tres peuplee situee sur l’elbe pres de l’ocean septentrional‘, ca. 1730.

an stelle der befestigungen findet der heutige garten(be)sucher zwischen elbe und alster die deichtorhallen, den hauptbahnhof und weiter oben, zur alster hin, die hamburger kunsthalle. grünflächen auf den ehemaligen wallanlagen gibt es auf der anderen seite der alster: der gustav-mahler-park und planten un blomen.

zwischen dem steintor und dem neuen werk, zum schutz der vorstadt st.georg, reihten sich auf dem geestrücken oberhalb der elbe und der marschniederung „hammer broeck“ die gärten, handtuch ähnliche grundstücke, ’stiegen‘ genannt, im plan als ‚Lust Garten‘ bezeichnet, auf. hier befand sich das gartenhaus ‚der ross‘ und der garten von brockes.

1739 erschien, anonym, in der zeitschrift ‚der patriot‘ die beschreibung des gartens eines gewissen belander. die wochenzeitschrift erschien von 1724 bis 1726 in hamburg, vorbild waren englische zeitschriften wie ‚the spectator‘. 1715 war brockes mitbegründer der ‚teutsch-übenden gesellschaft‘. belander war brockes‘ gesellschaftnahme:

Ich besuchte vor einigen Tagen einen Bekannten meines Herrn Vettern auff seinem etwa anderthalb Meilen von der Stadt gelegenen Garten. Er ist ein sehr begüterter Mann, dem diese weitläufige Einsiedlerey so viel vergnüglicher seyn kann, je schöner und gemächlicher er selber nach seinem Willen sie eingerichtet. […] So mercklich auch die Breite dieses Gartens war; so mochte dennoch die Länge davon ohngefehr noch zweymahl so groß seyn. Ich fand überhaupt gantz nichts von kleinstädtischen Kostbahrkeiten und unnatürlichen Künsteleyen, wie ich wohl auff andern Gärten bemerckt hatte. Alles war ungezwungen, groß und ansehnlich, aber viel weniger kostbahr, als es den Schein hatte. Ich sahe sehr wenig Holtz=Werck, und die gantze Unterhaltung schien nur mittelmäßige, oder gar geringe, Ausgaben jährlich zu erfordern. Es war von aussen rund herum mit einigen hundert der dicksten Linden beschattet, die zugleich einer unzählichen Menge von Vögeln zum Auffenthalt dienen. Inwendig hatte man ihn durch verschiedene Alleen und Bogen=Gänge, auch gegen die Mittags=Hitze der Sonne (wider die gewöhnliche Anlage der meisten Hamburgischen Gärten) brauchbahr gemacht. Beym ersten Eintritt fand sich ein anmuthiger Vorhoff oder Stein=Platz, der auff beyden Seiten mit ein paar niedrigen Häusern bebauet, rund herum mit eitel Ipern [ulmus / ulme] von gleicher Höhe besetzet, und durch ein hohes eisernes Gitter=Werck von den Garten selber abgesondert war. In der Mitte desselben führte eine besondere breite Allee, gleichfalls von Ipern, auff die Thür dieses Gartens, wo man zuerst jeder Seite des eben so breiten Ganges ein Parterre von eitel Gasons, oder Graß=Betten, antraff. Diese waren mit einer Hecke von Englischen Dornen [?], und nach der Linie dazwischen gesetzten Tannen=Bäumen, eingefasst, auch mit allerhand immer grünender Stauden, Kräutern und Bäumen, als Taxus, Wacholder=Büschen, Epheu, Buchs=Baum, Tannen etc. in den Inneren Abtheilungen bepflantzet. Diß, sagte Belander, ist eigentlich mein Winter=Garten. […] Gleich hinter selbigem Winter=Garten kahmen wir an einen grossen Fisch=Teich, worauff ein paar artige Fahrzeuge zur Erlustigung bereit lagen. In der Mitte des Teiches stund das Garten=Hauß selbst, […] Um den Teich herum lagen demselben und auff beyden Seiten, zunächst dem Hause, die Bluhmen=Betten, auff welchen vornehmlich die rothen und weissen Rosen, die Mohn=Bluhmen und Lilien, um den Vorzug ihrer Schönheit mit einander zu streiten schienen. Hierrauff aber, wo die Alleen und Bogen=Gänge anfingen, welche letztern sich auch ins gevierte um den ganzen Garten erstreckten, war alles hinter denselben mit schönen Frucht=Bäumen, Küchen=Kräutern, und andern eßbahren Garten=Gewächsen bedeckt. In der Mitte dieser begrünten Gänge, wo sie zugleich sämtlich ihren Zusammenlauff hatten, strahlte ein annehmlich springendes Wasser, das sich aus den benachbahrten Hügeln sammelte, und daselbst, ohne eigenes Treib=Werck, Tag und Nacht ein lieblich rauschendes Geklatsch machte. Endlich bestund das hinterste und letzte Theil des Gartens in einer blossen natürlichen Wildniß, wo auff einem unebenen, bald niedrigen, bald erhobenen Grunde die gemeinesten Kräuter und Feld=Bluhmen, Klee und Gras, Unkraut und Disteln, Stauden und Bäume in der grössten Verwirrung beysammen, und von weitem ein dick=verwachsenes Gehölz schien. Dieser Platz hatte überall keine Wartung, und, ob gleich die Kunst selbst ihn angelegt hatte, war doch nicht die geringste Spuhr davon zu erkennen.

‚der patriot‘ no. 26. donnerstag, den 29. Junii 1724 zitiert nach ‚der patriot – nach der originalausgabe hamburg 1724 – 26 in drei textbänden […] kritisch herausgegeben von wolfgang martens‘, berlin, 1969.

Und seh‘ des Gartens Pracht, mit seiner Anmuth Fülle,

Gelassen denn hiemit zum letzten mahl.

Mir fällt jedoch hiebey ein Wunsch, in Schwachheit, ein,

Den, wo er dir missfällt, du gnädig wirst verzeih’n;

Es presst die Eigen-Liebe mir

Den Seufzer aus: „Ach, Herr! gefiel‘ es dir,

Daß wenigstens doch dieser Garten hier

Bey meinem künftigen Geschlechte,

Vergnügt und wohl gebraucht, verbleiben möchte!“

barthold heinrich brockes, ‚abschied vom garten‘, 1736, aus ‘irdisches vergnügen in gott, bestehend in physicalisch- und moralischen gedichten’, 1721 – 1748

die gedichte in ‚irdisches vergnügen‘ sind das einzige was von seinem garten geblieben ist…

begibt man sich heute auf die suche nach dem garten ist es alles andere als ein „irdisches vergnügen“. vom hauptbahnhof aus überquert man die steintorbrücke/den steintorplatz/ schon fast die adenauerallee in richtung des museums für kunst und gewerbe. geht man rechts um das gebäude herum gelangt man in die brockesstr. linker hand der carl-legien-platz: manchmal auch park genannt. wird gerade renoviert: mit geschwungenen wegen wird zwischen museum und zob, hanseatisch ‚bus port‘, englischer landschaftspark gespielt. am ende der brockesstr. über die kurt-schumacher-allee und man steht am august-bebel-park. hanseatische grünflächen sind ein trauerspiel… nach links in die „strasse“ besenbinderhof mit dem gleichnamigen kontorhaus.

brockes_besenbinderhof_500   brockes_gleise_500

l.: der besenbinderhof; r.: büro – sorry, man sagt ja jetzt office – architektur auf der rückseite und die bahngleise zwischen hauptbahnhof und berliner tor. mit der s-bahn und den zügen richtung lübeck (& weiter nach københavn), schwerin und berlin fährt man heute durch die lustgärten…

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