keschde (pfälz. dialekt f. ess- oder edelkastanie, lat.: castanea sativa)

botanisch ist die castanea sativa mill. ein buchengewächs / fagaceae. ob nun als ess- oder edelkastanie bezeichnet, in südtirol keschtn, wird sie hier nur pfälzisch keschde genannt. carl von linné bezeichnet sie als ‚fagus castanea‘ (’species plantarum‘, 1753).1768 beschreibt philip miller, von 1722 bis 1770 curator des chelsea physic garden, die keschde als ‚castanea sativa‘, sie erhält sein botanisches kürzel mill. (‚the gardeners dictionary, 8. auflage). bereits theophrastos von eresos, der als erster dendrologe und forstwissenschaftler gilt, erwähnt die keschde als εὐβοική (euboikḗ sc. karýa), euböische nüsse, nach der insel euböa (‘historia plantarum’, 1,11,3). der baum wurde von den römern, zusammen mit dem wein, aus dem östlichen mittelmeer und schwarzmeerraum über die alpen gebracht. nicht zu verwechseln mit der aesculus hippocastanum / rosskastanie, die mit der keschde nicht einmal verwandt ist. diese wurde erst 1576 in wien von carolus clusius angepflanzt.

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die wälder der haardt, einem ca. 300 km langer mittelgebirgzug am ostrand des pfälzerwaldes, bestanden vor dem eingeifen des menschen hauptsächlich aus eichen, buchen und kiefern. ab dem 1. jh. n. chr. kamen mit den römern die keschde hinzu. die keschde bilden heute am ostfuss der haardt grosse bestände, und die weinberge gehen hier direkt in keschde-wälder über. castanea sativa und vitis vinifera sind aufeinander abgestimmt: „wenn´s keschde gibt, gibt´s auch woi“. die bestände entlang der haardt, ca, 2.000 ha, gehören zu einem weitaus grösserem edelkastanienbestand am oberrheingraben: ca. 4.000 ha. im elsass und rechtsrheinisch nochmals ca. 3.300 ha im ortenaukreis. keschde satt an den ausläufern des pfälzerwaldes, der vogesen und des schwarzwaldes. das stammholz wurde u.a. für weinfässer, die stockausschläge für pfähle im weinberg, beim kammertbau (seit den römern bis anfang des 20. jh. gebräuchliche methode der reberziehung) oder für gartenzäune genutzt. die blüten sind eine bienenweide und der kastanienhonig einer der besten. eines der wahrzeichen der region südliche weinstrasse, das hambacher schloss, wurde früher als keschteburg oder kästenburg bezeichnet.

ein nachhaltiger beitrag zur keschde

§. 33. Zu denen Eicheln und Eckern tragenden Bäumen fügen wir billich auch den Castanien-Baum / weil dessen Frucht auch glans oder Balnus genennet wird. Dieser Baum wächst in Italien / Frankreich / Engelland / Niederland / Ungarn / wie auch in Teutschland an Rheinstrom und gegen den Gräntzen des Welschlandes / in Herzogthum Crayn [slowenien] in großer Menge / und sind theils Orten ziemliche Wälder damit besetzet / zu grossen Nutzen der Besitzer / so gleichsam hievon eine zwiefache Ernde haben für Menschen und Viehe zu gebrauchen / wie denn auch im Meißner-Land hin und wieder dergleichen Bäume zufinden / auch theils Orten kleine Wäldlein seyn / denn man davor hält / daß wenn sie nicht allein / sondern etliche beysammen stehen / sie beßer ins Holtz und Früchte treiben / dahero zu bedauern / daß man in Pflantzung solcher nutzbaren Bäume nicht besser fortgefahren / indem man siehet / daß diejenigen / so hierzu Lande gepflantzet werden / die Luft / Kälte und Frost wohl vertragen / und des Climatis gewohnen / ob sie gleich nicht so große Früchte bringen / als in warmen Ländern. Jedoch muß man sie dem Nordwinde nicht allzu entgegen setzen. Den Nahmen führet dieser Baum von Castano einer Stadt in Magnesia oder wie etliche wollen / in Apulia, nicht weit von Tarento; nicht aber von castitate, weil plinius [der ältere] die Castanien den Fasten der Weiber zueignet / [‘naturalis historia’] lib. 15. c. 23. denn ihre Würckung ein anders ausweiset. Sie werden auch genennet Sardianæ nuces, und soll sie Jul. Cæsar von Sardis zu erst in Italien bracht haben / von dannen sie in andere Provinzien kommen / und könten also nach diesem Exempel gar wohl in unsere Ländern in Menge erzielet werden. Denn es kan wie schon gedacht / dieser Baum die kalte Luft und Gegend ziemlich vertragen / jedoch verschmähet er gelinde und laulichte auch nicht.

[…]

§. 35. Die Rinde des Castanien-Baumes ist schwärzlich und Aschen-Farb / das Holtz fest und der Fäulung wenig unterworfen. Die Blätter sind gekerbet mit vielen Aederlein / die Blüthe wollicht / und niederhangend mit gelbichten Blümlein / fast denen Zäpftlein an den Nuß-Bäumen ähnlich / worauf die Frucht in einer stachlichten Schalen folget. Es wächset dieser Baum sehr leichtlich und gerne / überkommt insgemein einen schönen Schafft / wird so groß als ein Eichen-Baum / und wächset in fünff oder sechs Jahren unterweilen so groß / daß er Früchte träget / giebt den Garten eine schöne Zierde / so wohl wegen des Gewächses als schönen Laubes.

[…]

§. 37 […] Auf großen Gebürgen / wo an Getreyde Mangel / hingegen aber Castanien wachsen / wenn solche gerathen / hat man sich keiner Hungers-Noth zu besorgen / denn die armen Leute solche vor Brod eßen / oder machen gar Mehl oder Brod draus. Wie man sie hierzu Lande in Pfannen oder fetten Gänsen brät / ist bekannt und ist eine Kost die nicht zu verachten.

hans carl von carlowitz, ‘sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche nachricht und naturmäßige anweisung zur wilden baum-zucht, […]‘, leipzig, 1713. → nachhaltigkeit / ‘sylvicultura oeconomica’

keschde als nahrungsmittel

die früchte gelten heute als spezialität, vom 16. bis 18 jh. waren sie im mittelmeeraum das hauptnahrungsmittel der ärmeren bevölkerung. der französische historiker emmanuel le roy ladurie sprach von einer „international de pauvreté et de la châtaigne“ (‚les paysans du languedoc‘, paris, 1966). die keschde war, in wärmeren regionen, die erste „kartoffel“ bzw. das tägliche brot:

Le blé n’est pas assurément la norriture de la plus grande partie due monde. […] Nous avons des provinces entières où les paysans ne mangent que du pain de châtaignes, plus nourrissant et d’un meilleur goût que ceux de seigle ou d’orge, dont tant de gens s’alimentent, et qui vaut beaucoup mieux que le pain de munition qu’on donne au soldat.

voltaire, ‚dictionnaire philosophique‘, (erstausgabe paris, 1764). zitiert nach éd. garnier, paris 1878.

s’ils n’ont pas de pain de châtaignes, qu’ils mangent de…

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keschdekuchen (und brot) vom edenkobener wein- und kastanienmarkt an der villa ludwigshöhe.

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marrons glacés in wissembourg im elsass.

keschde und italiensehnsucht

der spätere bayerische könig ludwig I. wuchs in der pfalz auf. 1799 wurde sein vater als maximilian IV. erst herzog von bayern und später – von napoleons gnaden – als maximilian I. joseph der erste bayerische könig. in münchen bliebt die kindheit in der pfalz präsent, und kombiniert mit seiner stark ausgeprägten italiensehnsucht äusserte ludwig I. 1826 den wunsch

eine Villa italienischer Art, nur für die schöne Jahreszeit bestimmt, und das in des Königreichs mildestem Teil [zu bauen].

ludwig I. brief an johann martin von wagner, colombella, 4. juni 1826 (martin-von-wagner-museum, julius-maximilians-universität würzburg ) zit. in franz schmidt, ‚die könige zu besuch – bayerns könige in der pfalz‘, edenkoben, 2013.

1846 wurde der grundstein für den klassizistischen, einer römischen villa nachempfunden, bau gelegt. auf das nach edenkoben (katholisch) eingemeindete gebiet, oberhalb von rhodt unter rietburg (protestantisch). begonnen vom den architekten friedrich wilhelm von gärtner und 1852 vollendet von leo von klenze. 1848 musste ludwig I. zu gunsten seines sohnes maximilian II. – der 1842, sozusagen als entschuldigung für das hambacher fest 1832, das hambacher schloss geschenkt bekam und für den ab 1844 die sogenannte keschdeburg, dann maxburg genannt, wiederaufgebaut wurde – abdanken, verbrachte jedoch bis 1866 alle zwei jahre die sommermonate in der villa.

Welch milde Luft weht da! Daß mit süßen Früchten bedeckte Kastanien meine Villa umgeben, südlichen Klimas beste Zeugen.

ludwig I., brief an johann martin von wagner, ludwigshöhe, 29. september 1852, ebenda.

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die villa ludwigshöhe zwischen weinbergen und keschdewald.

einen garten gibt es nicht. vor der villa reichen die weinberge direkt an die terrasse heran. auf der rückseite der keschde-wald. 1862 wurden auf veranlassung ludwigs 24.395 keschde neu gepflanzt. ludwig hielt einen garten für überflüssig, oder wie er in einen gedicht über die pfalz schrieb:

Es gleicht sein Feld der schönsten Gartenflur…

ludwig I., ‚lied an die heimath – nach göthe’s [bei italien-themen unvermeidbar…] gedicht: „kennst du das land, wo die citronen blüh’n“ im jahre 1821‘. in ‚gedichte des königs ludwig von bayern‘, zweyter theil. 4 bände, münchen,1829 bis 1847.

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‚ludwigshöhe bei edenkoben‘ mit blick über rhodt unter rietburg auf die rheinebene, stahlstich, druck von f. a. zehl sen., leipzig, um 1850.

noch mehr keschde…

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beim spaziergang noch ein paar keschde sammeln.

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die pfalz auf dem eigenen herd: saumagen mit keschde…

 

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