convallaria majalis: pflanzensymbolik & pflanzennamen deut./engl. / ‚die traumdeutung‘ von sigmund freud

„I arrange the centre of a table with flowers for a birthday.“ (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen Geburtstag her.) Auf Fragen gibt sie an, sie sei im Traume wie in ihrem Heim gewesen (das sie zur Zeit nicht besitzt) und habe ein Glücksgefühl empfunden.
Die „populäre“ Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich zu übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche: der Tisch mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst und das Genitale; sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie sich bereits mit dem Gedanken an die Geburt eines Kindes beschäftigt; die Hochzeit liegt also längst hinter ihr.
Ich mache sie darauf aufmerksam, daß „the centre of a table“ ein ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier aber natürlich nicht direkt weiterfragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr die Bedeutung der Symbole zu suggerieren, und fragte sie nur, was ihr zu den einzelnen Teilen des Traumes in den Sinn komme. Ihre Zurückhaltung wich im Verlaufe der Analyse einem deutlichen Interesse an der Deutung und einer Offenheit, die der Ernst des Gespräches ermöglichte. – Auf meine Frage, was für Blumen es gewesen seien, antwortete sie zunächst: „expensive flowers; one has to pay for them“ (teuere Blumen, für die man zahlen muß), dann, es seien „lilies of the valley, violets and pinks or carnations“gewesen (Maiglöckchen, wörtlich: Lilien vom Tale, Veilchen und Nelken). Ich nahm an, daß das Wort Lilie in diesem Traume in seiner populären Bedeutung als Keuschheitssymbol erscheine; sie bestätigte diese Annahme, indem ihr zu „Lilie“ „purity“ (Reinheit) einfiel. „Valley“, das Tal, ist ein häufiges weibliches Traumsymbol; so wird das zufällige Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen Namen für Maiglöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer kostbaren Jungfräulichkeit – expensive flowers, one has to pay for them – verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann ihren Wert zu würdigen wissen werde.

sigmund freud, ‚die traumdeutung‘, leipzig und wien, 4. vermehrte und revidierte auflage, 1914 (erstausgabe1900).

 

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