Gartenkunst. Diese Kunst hat eben so viel Recht als die Baukunst, ihren Rang unter den schönen Künsten zu nehmen. Sie stammt unmittelbar von der Natur ab, die selbst die vollkommenste Gärtnerin ist. So wie also die zeichnenden Künste die von der Natur gebildeten schönen Formen zum Behuf der Kunst nachahmen, so macht es auch die Gartenkunst, die mit Geschmack und Überlegung jede Schönheit der leblosen Natur nachahmet und das, was sie einzeln findet, mit Geschmack in einen Lustgarten vereinigt. Da die Natur den allgemeinen Wohnplatz der Menschen so schön ausgeschmückt und mit Gegenständen so mancherlei Art, die in so angenehmer Abwechslung auf uns wirken, bereichert hat; so ist es sehr vernünftig, dass der Mensch in Anordnung seines besonderen Wohnplatzes ihr darin nachahmet und sich die Gegend, wo er die meiste Zeit seines Lebens zubringen muss, so schön macht als er kann. Dazu hilft ihm die Gartenkunst, der es auch nicht an sittlicher Kraft auf die Gemüter fehlt, […]. Man sieht augenscheinlich, dass die Einwohner schöner Länder mehr Leben und mehr Anmutigkeit des Geistes besitzen als die, die vom Schikcksal in schlechte Gegenden versetzt worden sind.
Das Wesen dieser Kunst besteht also darin, dass sie aus einem gegebenen Platz, nach Maßgabe seiner Größe und Lage, eine so angenehme und zugleich so natürliche Gegend mache als es die besonderen Umstände erlauben. Sie hat keine andere Grundsätze als ein gesundes Urteil und Geschmack, auf die Betrachtung dessen angewendet, was in Gegenden, Landschaften und einzeln Teilen derselben angenehm ist. Man studiret diese Kunst bloß in der Natur selbst, bei Spaziergängen, bald in offenen Gegenden, bald in Wäldern, bald in Büschen oder auf einsamen Fluhren, auf Hügeln und in Thälern. Jede Schönheit, die die Natur an solchen Orten anzubringen gewußt hat, muss einem verständigen Gärtner fühlbar sein. So wie der Historienmaler Phisionomien, Stellungen und Gebärden beobachtet und sammelt, so bereichert der Gärtner seine Einbildungskraft mit angenehmen Gegenden und Szenen, um bei jedem Garten so viel als sich jedesmal schickt, davon anzubringen.

Quæ deserta et inhospita tesqua Credis, amoena vocat mecum qui sentit; et odit Quæ tu pulchra putas.*

Man ist in keiner Kunst mehr von den wahren Grundsätzen, auf denen sie beruht, abgewiechen als in dieser. Mancher Eigentümer oder Gärtner glaubt einen um so viel schönern Garten zu haben, um so mehr es ihm gelungen ist, die Natur daraus zu verdrängen. Man macht Büsche von dürrem Holz und Fluhren von Corallen. Man sucht, so viel möglich, wie in einem Gebäude, eine Hälfte des Gartens der anderen ähnlich zu machen, da die Natur die Eurythmie überall in Landschaften vermeidet. Wie mancher natürlich schöner Platz ist nicht mit erstaunlichen Unkosten in einen unfruchtbaren und langweiligen Platz verwandelt worden?

johann georg sulzer, ‚allgemeine theorie der schönen künste‘, leipzig, 1771–1774.

* quintus horatius flaccus, ‚epistulae‘: „denn was du für rauhe verödete wildnis ansiehst, nennt anmutig, wer mir beistimmt, und hasset,was du achtest für schön.“ übersetzung von johann heinrich voß, ’sämmtliche übersetzungen der klassischen dichter der römer. zweiter theil: quint. horatius flaccus, zweiter band: satyren und episteln‘, heidelberg, 1806. epistel I,14.

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chodowiecki_sulzer_kupfer_1771_500   daniel nikolaus chodowiecki, titelkupfer, ‚allgemeine theorie der schönen künste‘, 1771.

 

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„Wie mancher natürlich schöner Platz ist nicht mit erstaunlichen Unkosten in einen unfruchtbaren und langweiligen Platz verwandelt worden?“ / ‚allgemeine theorie der schönen künste‘ von johann georg sulzer

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