der brockengarten & die pulsatilla alpina subsp. alba / brockenanemone

[…] und fröhlich stieg ich den Berg hinauf. Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, für die ich, in jeder Hinsicht, Respekt habe. Diesen Bäumen ist nämlich das Wachsen nicht so ganz leicht gemacht worden, und sie haben es sich in der Jugend sauer werden lassen. Der Berg ist hier mit vielen großen Granitblöcken übersäet, und die meisten Bäume mußten mit ihren Wurzeln diese Steine umranken oder sprengen, und mühsam den Boden suchen, woraus sie Nahrung schöpfen können. Hier und da liegen die Steine, gleichsam ein Thor bildend, über einander, und oben darauf stehen die Bäume, die nackten Wurzeln über jene Steinpforte hinziehend, und erst am Fuße derselben den Boden erfassend, so daß sie in der freyen Luft zu wachsen scheinen. Und doch haben sie sich zu jener gewaltigen Höhe empor geschwungen, und, mit den umklammerten Steinen wie zusammengewachsen, stehen sie fester als ihre bequemen Collegen im zahmen Forstboden des flachen Landes. […] Auf den Zweigen der Tannen kletterten Eichhörnchen und  unter denselben spatzierten die gelben Hirsche. […] Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte  Tannengrün. Eine natürliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. Ueberall schwellende Moosbänke; denn die Steine sind fußhoch von den schönsten Moosarten, wie mit hellgrünen Sammetpolstern, bewachsen. Liebliche Kühle und träumerisches Quellengemurmel. Hier und  da sieht man, wie das Wasser unter den Steinen silberhell hinrieselt  und die nackten Baumwurzeln und Fasern bespült. Wenn man sich  nach diesem Treiben hinab beugt, so belauscht man gleichsam die geheime Bildungsgeschichte der Pflanzen und das ruhige Herzklopfen  des Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser aus den Steinen  und Wurzeln stärker hervor und bildet kleine Kaskaden. Da läßt sich gut sitzen. […]
Je höher man den Berg hinauf steigt, desto kürzer, zwerghafter werden die Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr zusammen zu  schrumpfen, bis nur Heidelbeer- und Rothbeersträuche und Bergkräuter übrig bleiben. Da wird es auch schon fühlbar kälter. Die wunderlichen Gruppen der Granitblöcke werden hier erst recht sichtbar; diese  sind oft von erstaunlicher Größe. […], und ich war froh, als ich endlich das langersehnte Brockenhaus zu Gesicht  bekam. […]

heinrich heine, ‚die harzreise‘, 1827

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postkarte_brockengarten_500der brockengarten mit brockenhotel und observatorium. postkarte, um 1920.

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[…]Der B. ist auch in botan. Hinsicht interessant, denn außer verschiedenen Orchisarten sind hier zu finden: Cetaria islandica Ach. (Isländisches Moos, s. d.), auch Brockenmoos genannt, die Anemone alpina L. oder Brockenblume, Empetrum nigrum L. oder Brockenmyrte, die Linnaea borealis L., Geum montanum L. oder Bergnelkenwurz u. s. w. Eine besondere Rolle spielt in dieser Beziehung das sog. Schneeloch, eine tiefe Kluft, in der man im Hochsommer die botan. Erzeugnisse aller Jahreszeiten vereint antrifft. Neuerdings hat man mit Erfolg zu Göttinger Universitätszwecken alpine Pflanzen auf dem B. Kultiviert. […]

brockhaus‘ konversationslexikon, 14. Auflage, 1894-1896 , bd. 3: bill – catulus, brocken

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der brockengarten wurde am 8. Juni 1890 von prof. dr. albert peter, direktor des botanischen gartens in göttingen , unter mitwirkung des späteren „amerikanischen“ dendrologen alfred rehder, als schau- und versuchsgarten gegründet – der erste alpine botanische garten in deutschland. oberhalb der baumgrenze auf der brockenkuppe gelegen, ist der garten heute von mitte mai bis mitte oktober geöffnet. 1.800 pflanzenarten auf 1.141 m über n.n., im durchschnitt 2,9 °c, 171 frosttage und 1.814 l. niederschlag pro qm im jahr, an 176 tagen eine geschlossene schneedecke. ein garten unter alpinen bedingungen von 1.600–2.200 m höhe bzw. des klimas islands.

bis 1945 – mit unterbrechungen in den jahren 1914 bis 1934 und 1945 bis 1950 – wurde der brockengarten von der universität göttingen betreut. nach der deutschen teilung, ab 1950, wurde das areal von der universität in halle gepflegt. 1961 wurde der garten für die öffentlichkeit geschlossen. 1971 mussten alle gärtnerischen arbeiten eingestellt werden: der brocken wurde militärisches sperrgebiet. um den plateaubereich wurde eine 3 meter hohe mauer errichtet, und neben den abhöranlagen des sowjetischen militärgeheimdienstes und der stasi (die „stasi-moschee“, heute das brockenhaus / informationszentrum des nationalsparks harz) wurde ein neues wegenetz aus panzerplattenstrassen angelegt. ein teil des verwaisten brockengartens verschwand unter beton. nach den fall der berliner mauer stürmten am 3. dezember 1989 ca. 6.000 demonstranten bei einer sternwanderung das eingemauerte brockenplateau. eine salix helvetica / schweizer weide ist heute eine der letzten pflanzen die den kalten krieg überlebt haben.

ab 1990 wurde die brockenkuppe renaturiert und der garten vom nationalpark harz in kooperation mit den universitäten halle-wittenberg und göttingen rekonstruiert bzw. neu angelegt.

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die erste beschreibung der vegetation des harzes stammt bereits aus dem jahr 1588: ’sylva hercynia: sive catalogus plantarum sponte nascentium in montibus & locis plerisque hercyniae sylvae quae respicit saxoniam‘ von johannes thal, arzt und botaniker in stolberg. das buch, die erste gebietsflora, enthält alle pflanzen der region und nicht, wie bis dahin üblich, nur heilpflanzen. in dem werk findet sich auch die erste beschreibung der brockenanemone.

anton_hartinger_atlas_der_alpenflora_anemone_alpina_500   die brockenanemone oder kleine alpen-kuhschelle / pulsatilla alpina subsp. alba, syn. anemone alpina l.. ill. von anton hartinger aus ‚atlas der alpenflora‘, hrsg. vom deutschen und österreichischen alpenverein, 1882.

das florale wahrzeichen des brockens und des brockengartens ist die brockenanemone – pulsatilla alpina subsp. alba, syn. anemone alpina l.. clusius erwähnt die pflanze bereits in seinem werk ‚rariorum aliquot stirpium, per pannoniam, austriam, & vicinas quasdam provincias observatarum historia ‚, 1583. carl von linné spezifiziert sie in ’species plantarum, exhibentes plantas rite cognitas, ad genera relatas, cum differentiis specificis, nominibus trivialibus, synonymis selectis, locis natalibus, secundum systema sexuale digestas‘, 1753. am ende des 19. jahrhundert war die population der pflanze noch so stark, das ab mai der brocken von weitem noch mit schnee bedeckt zu sein schien: die weissen brockenanemonen blühten.

Oben auff dem Berg ist die Pulsatilla in grosser menge / were zu wünschen / daß man zu der Zeit hinauff kommen köndte / da sie blühet / weil sie vielleicht unterschiedlicher Farben Blumen trägt / ist aber wegen vieles Schnees nicht fast müglich.

johann royer, ‚beschreibung des gantzen fürstlichen braunschweigischen gartens zu hessem / […]. auch ordentliche richtige specification aller derer simplicium und gewächse / so von anno 1607 biß in das 1647 jahr darinnen mit grosser lust und verwunderung gezeuget worden‘, halberstadt, 1648.

eine der grössten bedrohungen für die brockenanemone und die gesamte vegetation auf dem brockenplateau sind die touristen, die seit 1991 wieder mit der brockenbahn auf den berg fahren können und stündlich den brocken überschwemmen: abseits der gekennzeichneten wege wird alles platt getreten, was unter die badelatschen und high heels kommt …

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am besten erreicht man den brockengarten zu fuss auf der klassischen route, dem goetheweg, vom torfhaus über den quitschenberg. ein muss: die übernachtung auf dem brocken beim brockenwirt. zwischen ca. 18 uhr am abend und ca. 10 uhr am morgen ist der berg am schönsten, d.h. zwischen der abfahrt der letzten und ankunft der ersten brockenbahn mit den tagestouristen … der abstieg führt über den heinrich-heine-weg nach ilsenburg (in der richtung wie heine ihn gegangen ist: bergab! die obige beschreibung ist der weg vom torfhaus auf den brocken).

4 Gedanken zu “der brockengarten & die pulsatilla alpina subsp. alba / brockenanemone

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  2. Pingback: die flora des brockens (vom besen nicht zu sehen!) / ‘beschreibung des gantzen fürstlichen braunschweigischen gartens zu hessem’ von johann royer | theorie der gartenkunst

  3. Pingback: alter botanischer garten göttingen (ein spaziergang im mai) | theorie der gartenkunst

  4. Pingback: querbeet über den harz | theorie der gartenkunst

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