„Kehrt man heute zu den Grundsätzen des alten Gartenbaus zurück, … “ / ‚das englische haus‘ von hermann muthesius

Kehrt man heute zu den Grundsätzen des alten Gartenbaus zurück, so ist damit doch nicht gesagt, daß man den alten Garten fix und fertig wieder übernähme. Die Verhältnisse haben sich in vieler Beziehung geändert. Vor allem war der Garten des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts, wie er uns in den alten Veröffentlichungen und einigen erhaltenen Beispielen entgegentritt, ein aristokratischer Garten, dem ein Übermaß an Prunk und Zierat anhaftete. […] Die Liebe zur Natur, die die Menschheit und besonders England jetzt anderthalb Jahrhunderte lang gepflegt hat, verlangt eher Pflanzenentfaltung und Blumenflor statt der leeren Beete mit verschieden gefärbter Erdfüllung und der aus Buchsbaum geschnittenen Figuren von früher. Wie unser Verhältnis zur Natur, so haben sich unsre Sitten geändert. […]
Worin der heutige Garten aber, die Kunst des Landschaftsgartens überspringend, an den alten anknüpfen mußte, das ist die geordnete, das heißt die regelmäßige Anlage. Als natürliches Erzeugnis der menschlichen Hand und damit als natürlich gewordenes Erzeugnis überhaupt kommt dem Garten eine tektonische Gestaltung zu, die er in der Tat zu allen Zeiten gehabt hat, bis die falsche Sentimentalität des achtzehnten Jahrhunderts dies änderte. Die geordnete menschliche Anlage macht Krummes gerade, Schiefes eben, Unregelmäßiges regelmäßig, sie schafft Rhythmus an Stelle von Willkür, Gewolltes an Stelle des Zufälligen. Daß der Mensch sich dazu entschließt, die Zufälligkeiten der Natur im kleinen Rahmen seines Gartens in gedrängter Steigerung nachmachen zu wollen, ist ein völlig unnatürlicher Zustand. Wer Natur will, findet deren genug außerhalb der Gartenmauern. Der Landschaftsgärtner gibt vor, landschaftliche Gemälde mit Hilfe von Naturobjekten zu komponieren, wobei er vergißt, daß er sich dabei auf dem Niveau eines Wachsfigurenkabinetts bewegt. Er findet das Beschneiden von Bäumen und Hecken unnatürlich, ohne zu bedenken, daß er selbst den Rasen beschneidet, um ihn kurz und geordnet zu haben.

hermann muthesius, ‚das englische haus‘, bd. II ‚bedingungen, anlage, gärtnerische umgebung, aufbau und gesundheitliche einrichtungen des englischen hauses ‚, teil II. “die umgebung des hauses (garten, zufahrt, torhaus, umzäunung, gartengebäude, gartenschmuck)‘, berlin, 1904 (2. auflage, 1910)

  • „Muthesius wir im Thüringischen als Sohn eines Maurermeisters geboren. Besucht das Gymnasium lernt Maurer; Baugewerbeschule, später auch Hochschule. Das alles ist äußerlich. […] Wichtiger sind seine Reisen: drei Jahre Japan, sieben Jahre England. […] Nach England kommt er mit einem Auftrag des preußischen Handelsministeriums: Er soll über das englische Haus berichten. So entsteht sein Buch ‚Das englische Haus‘, und wir haben hier den seltenen Fall vor uns, daß ein Staatsauftrag Anlaß für ein Werk geworden ist, das, wie nur wenige Epoche gemacht hat. Das Ministerium faßte diesen Auftrag ganz bewußt kulturpolitisch auf, und es durfte nach der Wahl des Mannes wohl von vornherein Resultate in der ganz bestimmten Richtung erwarten, die für die Folgezeit so wichtig geworden ist. Kein heutiger Architekt würde ein solches Buch schreiben: Vielleicht würde man es auch heute gar nicht als „Architekturbuch“ gelten lassen.“ julius posener, ‚hermann muthesius‘ in ‚die baugilde‘, heft 21, 1931 wiederabgedruckt in j.p., ‚aufsätze und vorträge 1931 – 1980‘ (bauwelt fundamente # 54/55), braunschweig/wiesbaden, 1981.
  • werkbundarchiv: hermann muthesius
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2 Gedanken zu “„Kehrt man heute zu den Grundsätzen des alten Gartenbaus zurück, … “ / ‚das englische haus‘ von hermann muthesius

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